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Mechanische Systeme kennen die Prüfer – künftig begegnen Fachleute in den Prüfhallen vermehrt digitalen Herausforderungen.
Foto: GTÜ
Mechanische Systeme kennen die Prüfer – künftig begegnen Fachleute in den Prüfhallen vermehrt digitalen Herausforderungen.

Hauptuntersuchung

Modernes Fahrzeug auf dem Prüfstand

Neue Technik ist schön und gut – sie muss aber auch überwacht werden. Prüforganisationen bereiten sich auf das vernetzte und softwaredefinierte Fahrzeug vor.

Prüforganisationen müssen im Rahmen von Typzulassung sowie Hauptuntersuchung immer tiefer ins moderne Fahrzeug blicken. Schließlich können auch Elektronik, Software und Sensorik fehlerhaft sein und Verschleiß, unsachgemäßen Reparaturen oder Beschädigungen unterliegen. Einen Vorstoß vermeldete die Kraftfahrzeug-Überwachungsorganisation freiberuflicher Kfz-Sachverständiger e.V., besser bekannt als KÜS, vor kurzem: So gehen derzeit im Saarland die Bauarbeiten für das neue Forschungs- und Akademiegebäude des Prüfunternehmens vonstatten. Die KÜS-Experten wollen laut Mitteilung nach Fertigstellung mit einem besonderen Prototypen arbeiten: In einer eigens eingerichteten Prüfstraße für automatisierte Fahrzeuge, dem Forschungsprojekt KÜS DRIVE (Dynamic Roadworthiness Inspection for Vehicles), soll „erstmals die Möglichkeit einer dynamischen Prüfung automatisierter Fahrfunktionen im Rahmen einer Hauptuntersuchung erforscht werden“, heißt es.

„Von Beginn an geht es bei diesem Forschungsprojekt grundsätzlich darum, die Fahrfunktionen moderner Fahrzeuge in Verbindung mit ihren Assistenzsystemen heute und in Zukunft herstellerunabhängig einer Wirkungsprüfung zu unterziehen“, erklärt KÜS-Hauptgeschäftsführer Peter Schuler. Damit verbunden ist auch der Entwicklungsanspruch, die neuen ergänzenden Prüfumfänge praxistauglich in die klassische Hauptuntersuchung integrieren zu können. „Mit der Prüfstraße KÜS DRIVE sind wir in der Lage, neben den konventionellen Prüfungen auch die sicherheitsrelevanten Funktionalitäten automatisierter Fahrzeuge zu überprüfen“, erklärt Dr. Thomas Tentrup, Leiter der KÜS Stabsstelle Forschung und Entwicklung. Der promovierte Physiker ist der Erfinder des Kernstückes der Prüfstraße, dem SFT (Steerable Function Tester).

Assistenzsysteme können zum Risiko werden

Auch beim TÜV Rheinland weiß man: Fahrassistenzsysteme bringen Verkehrssicherheit, können aber auch zum Risikofaktor werden. Die Systeme müssen über den gesamten Lebenszyklus funktionieren. Den Handlungsbedarf insbesondere bei der Periodic Technical Inspection (PTI), wie die Hauptuntersuchung international heißt, illustrieren die Kölner am Beispiel des Spurhalteassistenten: Einer Schätzung zufolge dürften 2025 in der EU beispielsweise rund 9,7 Millionen mit Kameras ausgestattete Windschutzscheiben ausgetauscht werden – im Vergleich zu rund zwei Millionen im Jahr 2019. Dies geht aus einer Studie hervor, die die Prüforganisation in Kooperation mit dem britischen Transport Research Laboratory (TRL) durchgeführt hat. Für die Untersuchung betrachteten die Experten, wie sich alterungsbedingter Verschleiß, Schäden am System und Unfälle oder eben mangelnde Kalibrierung von Kameras beim Austausch von Windschutzscheiben auf die Funktion von Spurhalteassistenzsystemen auswirken.

Um Fehlfunktionen zu verringern, müssen die Systeme im Rahmen der Hauptuntersuchung geprüft werden, so der Standpunkt der Kölner. Dr. Matthias Schubert, als Executive Vice President Mobilität beim TÜV Rheinland stellt klar: „In unserer Studie hat sich aus unserer Sicht bestätigt: Wie gut ein technisches System auf Dauer funktioniert, kann nur eine regelmäßige Wartung und technische Überprüfung zeigen.“ Dafür sei es unter anderem entscheidend, den Zugang zu den Systemdaten für unabhängige Dritte sicherzustellen. Die gleiche Notwendigkeit sieht man auch in Losheim an der Saar: Die Diagnosestelle, gleichgültig ob kabelgebunden oder „Over-the-Air“, ist für Berechtigte zugänglich zu halten, heißt es von Seiten der KÜS. Außerdem müssten diese Schnittstellen zum Fahrzeug normiert sein, ebenso die hierbei zu übertragenden Daten

Software altert

Nicht nur einzelne Teilsysteme, auch das „zentrale Nervensystem“ moderner Fahrzeuge muss sich regelmäßigen und unabhängigen Prüfungen unterziehen. Insbesondere durch aktuelle Trends wie das softwaredefinierte und vernetzte Fahrzeug sowie den Wandel von der verteilten zu einer integrierten und zentralisierten Architektur rücken Fahrzeugcodes in den Fokus. Ganz neue Themen, wie beispielsweise die Cybersecurity, erweitern demzufolge das Spektrum, hieß es Ende 2021 im Rahmen einer Fachtagung des TÜV Süd zum Thema Homologation. "Speziell für diesen neuen Bereich wurden bereits neue Stellen für Experten im Kraftfahrt-Bundesamt eingerichtet", informierte Pascal Mast, Direktor Nachhaltige Technologien beim Prüfdienstleister.

Die Software-Integrität ließe sich im Rahmen der HU analysieren. Prüfer könnten dabei auf eine Datenbank mit zulässigen oder unzulässigen Software-Versionsständen, typspezifisch und auch auf individuelle Fahrzeuge bezogen, zurückgreifen. „Wir müssen sicher und zuverlässig die im Einzelfahrzeug installierten Software-Versionen pro System bzw. Funktion auslesen können. Dies gilt auch im Hinblick auf das Gesamtfahrzeug. Diese vergleichen wir und bewerten damit die Zulässigkeit oder Unzulässigkeit der im Fahrzeug installierten und genutzten Softwarestände“, so Stefan Schuler, Geschäftsführer der KÜS, auf amz-Anfrage. Die Software-Integrität müsse mit Mitteln der IT-Sicherheit gewährleistet sein, um gewollte („Chip-Tuning“) oder auch ungewollte Veränderungen (Hackerangriff, Alterung an der Hardware) an der Software erkennen zu können.

Neuer HU-Adapter

Erleichterung erhoffen sich Prüfgesellschaften vom neuen HU-Adapter, einer Weiterentwicklung des aktuellen Geräts, der für das kommende Jahr zu erwarten ist. Das Prüfgerät ist als digitaler Zugang seit 2015 eine wesentliche Ergänzung zu den sich ständig weiterentwickelnden HU-Prüfmethoden. Im Pflichtenheft für den Nachfolger stehen unter anderem weniger Gewicht und Größe sowie eine höhere Akkulaufzeit. Beim TÜV Süd heißt es, der „HU-Adapter 2023“, so der Arbeitstitel, soll alle Prüfumfänge des bisherigen Gerätes einschließen und zugleich technologisch offen sein für die Prüfung von neuen Fahrzeugsystemen.

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Die FSD GmbH forscht in Sachsen an der Hauptuntersuchung der Zukunft.
Foto: FSD GmbH
Die FSD GmbH forscht in Sachsen an der Hauptuntersuchung der Zukunft.

Der Adapter wird in Dresden und Radeberg entwickelt: Die FSD GmbH nimmt dazu die Fahrzeugentwicklungen der nächsten Jahre als Grundlage. „Selbstverständlich werden die Elektromobilität und die verschiedenen Hochvoltsysteme sowie diverse Bordnetzauslegungen ebenfalls im Fokus sein, ebenso wie die vielfältigen neuen Schnittstellen im Fahrzeug“, erklärte ein Sprecher von TÜV Süd. Zusätzlich zum bekannten 16-poligen OBD-Zugang werde der nächste HU-Adapter kompatibel zu den sogenannten „Over-the-Air“ Fahrzeugschnittstellen sein. Strategisch bedeutsam für den Prüfprozess ist zudem die künftige Möglichkeit, den HU-Adapter als Interface zu den Abgasmess-Geräten zu nutzen, heißt es aus München. Auf diese Weise würde das Prüfgerät als externer Dongle für Abgas- oder weitere Diagnosetechnik nutzbar.

Neue Schnittstelle für Truck & Trailer

Auch im Bereich Nutzfahrzeugprüfung tut sich etwas: So rückt mit dem Truck-Trailer-Interface (TTI) eine Weiterentwicklung zur Prüfung moderner, druckluftgebremster Anhänger in den Fokus. „Die KÜS hat sich intensiv am gemeinsamen Feldtest beteiligt. Unsere KÜS-Prüfingenieur*innen werden daher diesen ab Mitte 2022 auch in der Praxis einsetzen“, erklärt Stefan Schuler. Auch TÜV Süd war eigenen Aussagen zufolge dabei: „Wir sehen es [Truck-Trailer-Interface] als technologische sinnvolle Ergänzung zum HU-Adapter an und werden es deswegen auch unseren Prüfern bereitstellen, derzeit sind wir aber noch in der Phase der Beschaffung.“ Ein Einführungstermin sei noch unsicher, weil Hersteller derzeit mit Lieferengpässen zu kämpfen hätten, erklärten die Münchener.

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Der aktuelle HU-Adapter (im Bild) wurde vor einigen Jahren eingeführt. Ein weiterentwickeltes Gerät soll im kommenden Jahr in Dienst gestellt werden.
Foto: FSD GmbH
Der aktuelle HU-Adapter (im Bild) wurde vor einigen Jahren eingeführt. Ein weiterentwickeltes Gerät soll im kommenden Jahr in Dienst gestellt werden.
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