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Glas-Reparatur

Trümmer im Sichtfeld

Die Reparatur von Glasschäden kann ein lukratives Nebengeschäft sein. Aber welche Schäden kann man - und welchen darf man reparieren? Oftmals eine Detailfrage.

Viele Glasschäden können problemlos repariert werden, ohne die Scheibe auszutauschen. Auch müssen Steinschläge nicht zwangsläufig sofort repariert werden - die Schutzwirkung der Verbundglasscheibe bleibt trotz Steinschlags erhalten. Da eindringende Feuchtigkeit und Schmutz die Reparatur aber schwieriger machen, sollte allerdings auch nicht zu viel Zeit vergehen. Idealerweise klebt der Kunde die Scheibe mit einem „Scheibenpflaster“ provisorisch ab, um den Steinschlag zu isolieren. Die Frage nach der rechtlichen „Zulässigkeit“ einer Reparatur lässt sich hingegen eindeutig beantworten: Obwohl es sich bei Windschutzscheiben um Teile mit Bauartgenehmigung handelt, die eigentlich keine Veränderungen erlauben, so fällt die Reparatur von Steinschlägen jedoch nicht unter dieses Verbot: Hier handelt es sich um eine unbeabsichtigte Veränderung beziehungsweise Verschleiß. Die Reparatur mittels Harz und anschließender Politur ist also grundsätzlich erlaubt. Weil aber das Licht an der Schadenstelle immer minimal anders gebrochen wird, existieren strikte Vorgaben, wo repariert werden darf und wo nicht.

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Keine Reparaturen im Sichtbereich – aber wie groß ist dieser eigentlich?

Der Sichtbereich ist der Abschnitt, durch den der Fahrer geradeaus durchblickt. Von der Lenkradmitte sind das jeweils 145 mm nach links und rechts, also insgesamt 290 mm in der Breite. In der Höhe wird das Sichtfeld durch das Scheibenwischerfeld eingegrenzt. Wo nicht mehr gewischt wird, darf repariert werden, sofern die Schäden außerhalb des Sichtbereichs (siehe Bild) und nicht näher als 100 mm am Rand der Scheibe liegen. Ebenfalls tabu für die Reparatur sind technisch genutzte Bereiche – meist oberhalb des Rückspiegels – also Regionen, in denen Kameras, Licht- und Regensensoren sitzen.

Wo sollte nicht repariert werden?

Während der Gesetzgeber konkret vorgibt, wo definitiv nicht gearbeitet werden darf, existieren Flächen, in denen eine Reparatur zwar rechtlich erlaubt, aber technisch nicht sinnvoll ist. Dazu zählt vor allem der Rand der Scheibe: In selbsttragenden Karossen übernehmen die Scheiben auch eine versteifende Funktion, A-Säule und Dachkante leiten in diesem Bereich Kräfte in die Scheibe ab. Da eine Reparatur bei Glasschäden eine Reparatur bleibt – auch wenn sie perfekt umgesetzt wurde – ist die ursprüngliche Festigkeit nicht mehr gewährleistet. In so einem Fall sollte die Scheibe ausgetauscht werden. Ein KO-Kriterium sind auch Schäden in Regionen mit Heizdrähten. Wegen ihrer Wärmeentwicklung können Veränderungen am Material oder unkontrollierte Spannungen auftreten – auch hier sollte die Scheibe komplett gewechselt werden. Dieser kritische Bereich beträgt rund 100 mm ab Scheibenrand ringsherum und umläuft ebenfalls die Sensoren oberhalb des Rückspiegels.

Interessanterweise definieren die Scheibenhersteller den „erlaubten Bereich“ häufiger kleiner als der Gesetzgeber. Deswegen sollte man anhand der vorliegenden Informationen abwägen, ob die Reparatur sinnvoll ist.

Kriterien für eine Reparatur

Glasrisse müssen komplett mit Harz gefüllt sein. Im Verlauf eines Risses sind hier unaufgefüllte Bereiche von maximal 10% der Risslänge zulässig, solange diese nicht am Ende des Risses liegen. Die Folie in der Scheibe muss unbeschädigt sein. Matte Stellen oder Ablösungen sind unzulässig. Bei kraterförmigen Schäden, mit einem Durchmesser von bis zu 20 mm, ist ein Lufteinschluss mit einem Durchmesser von max. 0,5 mm zulässig. Ab 20 mm Durchmesser dürfen auch zwei Einschlüsse vorhanden sein. Der Kunde sollte auf Folgendes hingewiesen werden: Bei der Steinschlagreparatur kann die Scheibe zerstört werden. Daher ist es nicht ratsam, eine Gewährleistung auf die Reparatur zu geben. Es kann zu Randreflexionen kommen, da im Bereich der Rissoberfläche minimale Abplatzungen entstehen können. An der Schadenstelle können Farbveränderungen entstehen, insbesondere bei Scheiben mit Metalloxidbeschichtungen.

Typische Schadensbilder

Reparable Glasschäden, die nur die erste Scheibe des Verbundglases betreffen, sind im Aufbau meist ähnlich und lassen sich in aller Regel gut einschätzen. Bei ihnen entscheidet vor allem die Form darüber, wie schwierig die Arbeit wird. Unterschiedliche Anforderungen ergeben sich daraus, wie aufwändig es ist, den Steinschlag möglichst vollständig und ohne Lufteinschlüsse mit dem Harz zu befüllen. Insbesondere die feinen Risse, die vom Bruch nach außen laufen, stellen eine Herausforderung dar und benötigen deutlich mehr Druck- Vakuum-anwendungen als Schäden ohne Risse. Schließlich wird der Schaden im Rahmen der Reparatur mit Hilfe einer Pumpe mit einem Unterdruck von bis zu 0,8 bar evakuiert. Anschließend wird das für die Anwendung passende Füllharz mit Überdruck in den Steinschlag gedrückt. Durch mehrfache Wiederholung lässt sich der Steinschlag beinahe vollständig wieder auffüllen. Bei schwierigen Rissen kann zusätzlich Wärme eingesetzt werden, damit das Harz auch in sehr feine Risse vordringen kann. Zur den einfachen Schadensbildern gehören: Kuhauge, Trümmerbruch, Kombibruch. Dagegen zählen zu den schwierigeren Fällen folgende Schäden: Sternbruch, Halbmond, Bienenflügel.

Die Schadenstypen im Detail

Kuhauge:

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Das Kuhauge besitzt keine Feinrisse und ist am einfachsten zu reparieren. Durch die unkomplizierte Bruchform kann die komprimierte Luft in der Vakuumphase sehr gut abgesaugt werden. Der Krater vom Kuhauge ist daher leicht und vollständig mit Harz auszufüllen, vorausgesetzt, die Schadstelle ist entsprechend sauber. In der Regel werden bei diesem Bruch 4 – 5 Druck-Vakuumphasen benötigt, bis die gesamte Luft aus der Schadstelle abgesaugt ist.

Trümmerbruch

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Bei diesem Bruch ist es wichtig, die losen Fragmente aus der Einschlagstelle zu entfernen. Eine Hartmetallreißnadel kann hierzu als Hilfsmittel verwendet werden. Weiterhin erfordert ein Trümmerbruch oftmals das Anbohren der Schadstelle um alle Splitter restlos zu entfernen. Ähnlich wie bei einem Kuhauge sind keine feinen Risse im Steinschlag, somit lässt er sich gut reparieren.

Sternbruch

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Haben sich um den Einschlag feine Risse gebildet, wird der Steinschlag als Sternbruch bezeichnet. Bei einem frischen Schaden fließt das Harz gut in die Risse. Bei älteren Steinschlägen kann es erforderlich sein, die Stelle anzubohren oder mit einem Automatikkörner nochmals zu brechen – dies erfordert jedoch Erfahrung. Zusätzlich ist bei einem Sternbruch die Anwendung der Erwärmungsmethode besonders wichtig. Weiterhin ist es ratsam, die Rissenden vor dem Reparaturvorgang zu markieren (z. B. mit einem Filzschreiber), so kann bei der Reparatur erkannt werden, ob die Risse weiterziehen (somit wäre der Druck in der Druckphase zu hoch). Ein Sternbruch erfordert bis zu 8 Druck- und Vakuumanwendungen.

Bienenflügelbruch und Halbmond

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Sie besitzen enge Risse, die sich nur langsam mit Harz füllen. Beide Schadensbilder erfordern fast immer ein erneutes Aufbrechen. Bei einem Bienenflügel werden nach der Reparatur die besten optischen Ergebnisse erreicht. Beide Schäden erfordern 4 bis 6 Vakuum- und Druckphasen. Um hier den Füllvorgang zu erleichtern, kann der Steinschlag mit einem Handfräser aufgebohrt werden. Dazu sollte beim Bohren in das Bruchzentrum gedrückt werden - dadurch wird ein kegelförmiger Aufbruch des Steinschlags erreicht. Unterstützend können in der Druck- und Saugphase leichte Erschütterungen um die Schadstelle herum ausgeübt werden.

Nicht in der Sonne

Reparaturharze sind licht- und wärmeempfindlich, reagieren also nicht nur auf die UV-Lampe, sondern auch auf ganz normale Sonnenstrahlung. Gelangt zu davon zu viel auf die Klebestelle – egal aus welcher Quelle – so kann der Füllstoff unter Umständen nicht mehr bis in die feinsten Risse des Steinschlages eindringen – die Qualität der Reparatur leidet. Hierfür reicht mitunter schon die UV-Strahlung bei bewölktem Himmel. Im Freien also die Reparaturstelle abschatten oder die Arbeit nach drinnen verlegen. Neben dem UV-Licht hat auch die Temperatur einen entscheidenden Einfluss auf die Verarbeitung des Harzes. Der Temperaturbereich für die meisten Harze liegt zwischen 5° und 30° Celsius – gerade letzteres mag nach viel klingen, ist aber in der Sonne auch schon bei deutlich kühlerem Wetter schnell erreicht. Daher die Fahrzeuge stets abkühlen beziehungsweise aufwärmen lassen, bevor es an die Reparatur geht. Im Zweifelsfall schafft ein berührungsloses Infrarotthermometer Sicherheit.