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Während große Niederlassungen bis zu 100 Aufträge pro Tag erledigen, durchläuft nur ein Bruchteil davon täglich das Classic Center.
Foto: Martin Schachtner
Während große Niederlassungen bis zu 100 Aufträge pro Tag erledigen, durchläuft nur ein Bruchteil davon täglich das Classic Center.

amz vor Ort

Die Bewahrer des Erbes

Das Classic Center kümmert sich um ganz besondere Fahrzeuge mit dem Stern. In der Spezial-Werkstatt der Mercedes-Benz Heritage GmbH finden sich die besten Restaurateure und Reparaturprofis, damit Flügeltürer, Vorkriegsmodelle und Co. vorzeigbar bleiben.

Das Mercedes-Benz Classic Center in Fellbach bei Stuttgart schreibt sich Arbeiten nach höchsten Maßstäben auf die Fahnen. Die Oldtimer-Spezialwerkstatt ist Teil der Mercedes-Benz Heritage GmbH, einem Zusammenschluss aller Bereiche, die sich der Historie des Unternehmens widmen. Die Schwaben kümmern sich im Sinne einer internen Arbeitsteilung um alle Fahrzeuge, deren Produktionsende 15 Jahre oder länger zurückliegt – zurück bis ins Jahr 1886: Pressesprecher Peter Becker zufolge reicht die Bandbreite von Ikonen wie dem 300 SL (Baureihe W 198) oder dem „großen Mercedes“ Typ 600 (W 100) über Vorkriegsfahrzeuge wie die Typen S, SS und SSK bis hin zu neueren Baureihen der SL Familie oder den E-Klasse Vorgängern der Baureihen 123 oder 124 .

Die Typen S, SS und SSK werden häufig mit dem Begriff „Kompressorfahrzeuge“ zusammengefasst und bezeichnen eine Familie legendärer Sportwagen, die in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren Rennsportgeschichte schrieben. Schon damals entsprachen diese Fahrzeuge dem Gegenwert eines Einfamilienhauses. „Hier bewegen wir uns heutzutage nicht selten im achtstelligen Bereich“, erklärt Peter Becker. Im Vergleich dazu ist die von 1964 bis 1981 gefertigte Luxusklasse W 100 geradezu ein Schnäppchen: Gute Gebrauchte 600er mit kurzem Radstand werden mit rund 250.000 bis 300.000 Euro gehandelt. Allerdings: Bei den Pullman-Fahrzeugen mit langem Radstand liegen die Preise noch einmal höher und bei den seltenen Landaulet-Halbcabriolets werden Preise von weit über einer Million Euro aufgerufen. Nicht zuletzt deshalb habe man es nicht selten mit solventen Kunden zu tun, die einen besonderen Service erwarten.

Drei-Säulen-Programm

Diesen Umgang sind die Mitarbeiter von Kai Lepper, dem Technischen Leiter des Mercedes-Benz Classic Centers, gewohnt. Das eigene Dienstleistungsportfolio umschreibt der studierte Maschinenbauer als „dreifach gut aufgestellt“: Da sei zum einen der Fahrzeughandel, der mit der im April gegründeten Heritage GmbH weiter ausgebaut werden soll.  . Der Eingangsbereich hinter den schweren Eingangspforten dient als „Showroom“ und gibt beim amz-Besuch trotz vorübergehender Renovierungsarbeiten einen kleinen Vorgeschmack auf das Angebot an exklusiven Gebrauchtfahrzeugen.

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In Stuttgart-Fellbach gehen nicht selten Multimillionäre, gar Multimilliardäre, ein und aus. Mitunter steigen die eigenen Klassik-Spezialisten des OEM auch ins Flugzeug, um ihre besondere Klientel bzw. deren automobiles Kulturgut weltweit zu betreuen.
Foto: Martin Schachtner
In Stuttgart-Fellbach gehen nicht selten Multimillionäre, gar Multimilliardäre, ein und aus. Mitunter steigen die eigenen Klassik-Spezialisten des OEM auch ins Flugzeug, um ihre besondere Klientel bzw. deren automobiles Kulturgut weltweit zu betreuen.

Das zweite große Thema ist der Ersatzteilhandel: „Mit 170.000 Sachnummern haben wir unter den Automobilherstellern mit Abstand das größte Angebot“, so Lepper. Das dritte Standbein bildet die Werkstatt mit den Bereichen Inspektion, Reparatur und Restaurierung. Die Arbeitsflächen beherbergen 15 Hebebühnen und Räume für handwerkliche Tätigkeiten. Von der Gesamtfläche des Areals von 5.000 Quadratmetern nimmt die Technik ungefähr die Hälfte ein. Das Lager umfasst rund 1.000 Quadratmeter. Darüber hinaus plant Mercedes-Benz Heritage derzeit zu expandieren: Neben dem Standort in Fellbach soll demnächst noch ein zweiter Standort in der Region hinzukommen. Die Werkstatt hat zwei große Kundengruppen: Neben der Mercedes-Benz Sammlung (Museum) kommt der größere Teil der Klienten von Extern. Die stolzen Oldtimer-Halter lassen sich den Hersteller-Service einiges kosten.

Hinzu kommt in Kooperation mit den Mercedes-Benz-Archiven das Geschäftsfeld „Expertise“. „Wenn Kunden hochpreisige Fahrzeuge erwerben, möchten Sie vorher wissen, ob das Fahrzeug im Originalzustand ist. Hier geben unsere Spezialisten eine Expertise ab“, erklärt Lepper. Man gleiche die Teilenummern verbauter Komponenten mit einem der „größten Industrie-Archive Europas“ ab.  Dabei handelt es sich laut Peter Becker und Kai Lepper um eine lückenlose Dokumentation der Unternehmens- und Produktgeschichte. Ein Team von Experten der Mercedes-Benz Heritage GmbH ist an dem Expertise-Prozess beteiligt, dessen Grundlage eine aufwendige Recherche ist. Die Spezialisten in der Werkstatt des Mercedes-Benz Classic Centers prüfen zahlreiche Merkmale am Fahrzeug, von übereinstimmenden Fahrzeugnummern („matching numbers“) bis hin zu authentischen Teilespezifikationen und Werkstoffen. Das Team der Mercedes-Benz Classic Archive recherchiert in seinem umfassenden Bestand, etwa in den Fahrzeugdatenkarten, in Akten, Protokollen und in historischem Fotomaterial, die Historie des jeweiligen Automobils – im Regelfall bis zum Tag der Auslieferung und ggf. darüber hinaus, sollte es seinerzeit weitere Berührungspunkte mit dem Werk gegeben haben. Für den individuellen Lebenslauf nach Auslieferung kann der Auftraggeber/Kunde einen Beitrag für den Anhang der Expertise beisteuern. Mercedes-Benz Classic setzt bei der Fahrzeuguntersuchung moderne Prüf- und Messmethoden ein. Die Ergebnisse der aufwändigen Recherchen werden anhand von Materialproben in den konzerneigenen Werkstoffanalyse-Laboren auf ihre chemische Zusammensetzung geprüft. Anschließend werden die Ergebnisse auf ihre Übereinstimmung mit den jeweiligen Materialien der verschiedenen Epochen geprüft. Die Experten kennen die Werkstoffe genau, die ursprünglich bei der Produktion des jeweiligen Fahrzeugs verwendet wurden. Die Erstellung einer solchen Expertise dauert mehrere Wochen und kostet 20.000 Euro (netto).

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Kai Lepper (li.) hat es als Technischer Leiter des Classic Center mit der teils vermögenden Kundschaft zu tun. Kollege Peter Becker (re.) kümmert sich als einer der Pressesprecher der Mercedes-Benz Heritage GmbH um Kommunikationsanfragen.
Foto: Martin Schachtner
Kai Lepper (li.) hat es als Technischer Leiter des Classic Center mit der teils vermögenden Kundschaft zu tun. Kollege Peter Becker (re.) kümmert sich als einer der Pressesprecher der Mercedes-Benz Heritage GmbH um Kommunikationsanfragen.

Exklusive Teileschmiede

Neben dem lukrativen GW-Geschäft unterliegt auch die Vermarktung von Ersatzteilen seit April einer gewissen Dynamik. Die Grundlage bilden dabei die Ersatzteile aus der Serviceorganisation von Mercedes-Benz, die 15 Jahre nach Produktionsende in den Bestand der Mercedes-Benz Heritage GmbH übergehen. Auch über die Nachproduktion entscheide man seither selbst, heißt es. Dafür gibt es einerseits einen Austausch mit der „Community“: „Die Mercedes-Clubs sind für uns eine wichtige Feedback-Quelle. Unsere Markenclubs sind für uns ein wichtiger Indikator, welches Teil benötigt wird, um gegebenenfalls eine Nachproduktion anzustoßen“, erläutert Peter Becker. Natürlich erfolge die Entscheidung in der Regel auf Grundlage der Wirtschaftlichkeit. Aber nicht immer: „Es gibt Bauteile, die müssen wir im Programm haben – auch wenn Lagerung und Produktion nicht wirtschaftlich sind“, weiß Kai Lepper. Neben der Wirtschaftlichkeit spielen auch Fahr- und Sicherheitsrelevanz, die Nachfrage, Funktion und Originalität eine Rolle“.

Classic Partner vs. Classic Center

Das eigene Servicenetz von Mercedes-Benz lässt sich grob in drei Stufen unterteilen: Die Niederlassungen sind der Ansprechpartner für aktuelle Modelle und können bei der Arbeit mit Old- und Youngtimern nicht alle Dienstleistungen anbieten. Mehr Know-how und Equipment ist in den eigens zertifizierten „Classic Partner“-Betrieben zu finden. Derzeit gebe es weltweit rund 60 dieser Spezialisten. Der Zertifizierungsprozess obliegt ebenfalls der Heritage GmbH. Die vollständige Expertise gibt es schließlich beim Classic Center in Fellbach. Kai Lepper sieht folglich keine Konkurrenz innerhalb der Organisation: „Die Niederlassungen haben meist nur geringes Interesse, diese Autos [300 SL, 600er, Anm. d. Red.] zu betreuen. Aufgrund der geringen Stückzahl lohnen sich notwendige Investitionen nicht. So müsste an den Standorten mindestens ein Mitarbeiter beschäftigt sein, der Kenntnisse zur komplexen Technik der klassischen Fahrzeuge besitzt und sich mit deren Wartung auskennt.“

Es gibt dennoch Partner auf Augenhöhe des Stuttgarter Classic Centers: Im US-amerikanischen Long Beach bei Los Angeles eröffnete Mercedes-Benz im vergangenen Jahr ebenfalls ein Classic Center. Dieses bietet eine vergleichbare Kernkompetenz – insbesondere für Nachkriegs-Fahrzeuge.

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Das Herstellerversprechen einlösen setzt ein gut sortiertes Ersatzteillager voraus. In Fellbach sind den Angaben zufolge 170.000 Sachnummern verfügbar. Im Classic Center selbst lagern rund 10.000 Teile.
Foto: Martin Schachtner
Das Herstellerversprechen einlösen setzt ein gut sortiertes Ersatzteillager voraus. In Fellbach sind den Angaben zufolge 170.000 Sachnummern verfügbar. Im Classic Center selbst lagern rund 10.000 Teile.
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