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Foto: Leitl Nutzfahrzeuge

Abbiegeassistenzsysteme

Seitenblick zum Nachrüsten

Mehr Sicherheit im City-Verkehr versprechen Abbiegeassistenten zur nachträglichen Installation. Gut für Werkstätten, schließlich benötigen neu zugelassene Lkw ab 2024 ein System an Bord.

Hofbräu München hat vor drei Jahren fünf neue Verteiler-Laster mit dem gewisse Etwas für Fahrten durch anspruchsvollen Stadtverkehr gewählt: Ein radargestützter Abbiegeassistent war bei der Bestellung der neuen Mercedes-Trucks besonders wichtig. Denn: Je größer das Fahrzeug, desto unübersichtlicher wird die Fahrt. Leider sind Lkw im hektischen innerstädtischen Verkehr unverhältnismäßig oft an schwerwiegenden Unfällen beteiligt, obgleich sie nur einen vergleichsweise geringen Anteil am Verkehrsaufkommen haben. Das weiß man auch bei der Traditionsbrauerei, schließlich beliefern die Münchner ein bis zweimal täglich das Hofbrauhaus nahe des Isartors. Zum gleichen Ergebnis kommt auch eine Untersuchung der britischen Verkehrsbehörde "Transport for London", die Brigade Electronics zitiert.

Der sogenannte tote Winkel ist ein wesentlicher Geschäftspfeiler für den Zulieferer – beziehungsweise dessen Überwindung mittels Elektronik: Seit 1976 widmet sich Brigade der Verkehrssicherheit. Hierzulande vermarktet die Brigade Elektronik GmbH auch passive und aktive Abbiegeassistenzsysteme. Ein passives System besteht aus einer Kamera-Monitor-Kombination und erweitert den Sichtbereich des Lkw- oder Bus-Fahrers. Das aktive System nutzt zudem Sensoren sowie optische und akustische Methoden, um den Fahrer bei einer drohenden Kollision zu warnen. Passive Systeme haben ein Problem: Sieht der Fahrer nicht hin, kann er Hindernisse oder Verkehrsteilnehmer im toten Winkel nicht wahrnehmen. "Deshalb sind Fahrzeugsicherheitssysteme mit akustischen Alarmen und Warntönen so wichtig – sie lösen ein unmittelbares Handeln durch den Fahrer aus", erklärte John Osmant, Managing Director für Fahrzeugsicherheit bei Brigade. Die Eingriffsmöglichkeiten aktiver Assistenzsysteme können bis zur automatischen Notbremsfunktion reichen. Soweit sind handelsübliche Abbiegeassistenten allerdings nicht.

Warnung in beide Richtungen

Der Brigade Abbiegealarm WUE-AAS-4.0 unterscheidet laut Anbieter statische von dynamischen Hindernissen und löst somit keinen Fehlalarm aufgrund parkender Fahrzeuge oder stehender Passanten aus. Aufgrund vormontierter Komponenten verspricht der Hersteller eine einfache Montage. Laut ADAC beträgt der Einbauaufwand rund vier Stunden. Seit diesem Jahr warnt das neue System bbs-TI nicht nur den Fahrer, sondern auch gefährdete Verkehrsteilnehmer: Das System wird auf der Beifahrerseite des Fahrzeugs installiert und erzeugt einen synchronisierten Warnton – sofern sich Verkehrsteilnehmer im toten Winkel befinden.

Transportunternehmen und Spediteure müssen, um die im Januar gestartete Abwrackprämie von bis zu 15.000 Euro zu kassieren, übrigens neben der Einhaltung strenger Abgasvorschriften auch das Abbiegeassistenzsystem nachweisen. Darauf wies der ADAC kürzlich hin. Der Abbiegehelfer kann entweder ab Werk verbaut oder nachträglich eingebaut sein. Der Automobilclub testete vor zwei Jahren fünf verschiedene Assistenzsysteme: Neben Brigade überprüften die Münchner die Nachrüstgeräte Mobileye Shield+, Mekra Lang AAS, Luis Turn Detect sowie die Werkslösung Orlaco Corner Eye. Preislich bewegten sich die Technologien zwischen 760 Euro und 3.400 Euro. Die Testkriterien lauteten: Das System muss ab eingeschalteter Zündung aktiv sein und darf sich nicht abschalten lassen. Um den Abbiegeassistenten zu aktivieren, muss dieser an Lenkeinschlag und/oder Blinker gekoppelt sein.

Die gute Nachricht: Alle getesteten Systeme konnten die Vorschriften des Verkehrsministeriums erfüllen. Allerdings beherrschte keines der Testsysteme die hohe Kunst der Abbiegeassistenz und erkannte Radfahrer, wenn sich zwischen Radweg und Fahrspur Hindernisse, wie beispielsweise parkende Fahrzeuge oder Bepflanzungen, befanden. Am besten schnitten im ADAC-Test die Lösungen von Mekra Lang und der Intel-Tochtergesellschaft Mobileye ab. Während Mekra Lang AAS am überzeugendsten zwischen ungeschützten Verkehrsteilnehmern und anderen, statischen Objekten zu unterscheiden wusste, überzeugt Shield+ durch eine leichte und verständliche Signalisierung an den Fahrer. Zwar erhielt der Turn Detect von Luis als erster Abbiegeassistent die Allgemeine Betriebserlaubnis, er vermochte es laut Testurteil jedoch nicht, ungeschützte Verkehrsteilnehmer zu erkennen, die mit der gleichen Geschwindigkeit wie der Lkw unterwegs waren. Zu viele Fehlalarme produzierte offenbar eine von Edeka und Wüllhorst Fahrzeugbau genutzte Brigade-Technik.

Mekra Lang vermarktet mit dem Abbiegeassistenten AAS 1312 eigenen Angaben zufolge ein System zur Kollisionsvermeidung auf Basis eines 24 GHz-Radarsystems. Die Lösung entstand in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Spezialisten Preco Electronics und dürfte technisch auf dem Produkt PreView Side-Defender basieren. Der AAS 1312 kann laut Anbieter um ein Kamera-Monitor-System ergänzt werden und wird über die Tochterfirma Mekratronics vermarktet. Das komplette System aus dem radarbasierten Abbiegeassistent sowie dem optionalen Kamera-Monitor-System schlägt laut ADAC-Erhebung mit 2.650 Euro zu Buche. Hinzu kommt der jeweils zweistündige Einbau.

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Foto: Mobileye Das israelische Technologieunternehmen Mobileye präsentierte die Lösung Shield+ zur IAA Nutzfahrzeuge 2018.

„Drittes Auge“ aus Nahost

Mobileye bietet unterschiedliche Unfallpräventionstechnik: Neben den Kollisionsvermeidungssystemen der 6er-Serie, die sich vom Pkw bis ins Nfz-Segment nachrüsten lassen, entstammt Profleet Assist+ einer Kooperation mit Knorr-Bremse Truck. Die Koproduktion soll potenzielle Gefahren in Echtzeit kalkulieren und den Fahrer akustisch warnen. Mobileye Shield+ wurde 2018 auf der IAA Nutzfahrzeuge präsentiert und bietet Fahrern großer Fahrzeuge ab sechs Metern Fahrzeuglänge ein "drittes Auge" dank smarter Multivisionssensoren. Zusätzlich zur Frontkamera verfügt das System über zwei bis vier Seitenkameras, teilte die Intel-Tochtergesellschaft mit. Bei Gefahr erhalten Fahrer eine akustische und visuelle Warnung. Der Abbiegeassistent kommuniziert über eine installierte Kabelverbindung und ist an den CAN-Bus angeschlossen, um Informationen zu Tempo, Bremse, Blinker und Beschleunigung auszulesen. Die optische Warnung gibt es den Angaben zufolge in zwei Eskalationsstufen. Ein gelbes Signal warnt vor einem Fußgänger oder Radfahrer im toten Winkel. Bei einer roten Warnung droht eine Kollision. Der Preis beläuft sich auf 1.650 Euro, der Einbauaufwand beträgt vier bis fünf Stunden.

Die Zeit drängt für Speditionen: Ab 2022 schreibt die EU die Ausstattung neuer Lkw mit Abbiegeassistenten vor. Für neu zugelassene Fahrzeuge ist es 2024 soweit. Werkstätten können interessierten Kunden das Unterstützungsprogramm „De-minimis“ der Bundesanstalt für Güterverkehr (BAG) empfehlen, da Abbiegeassistenten förderfähig sind. Darauf verwies im vergangenen Jahr auch Luis Technology. Dem Hamburger Unternehmen zufolge genügt das System „Turn Detect“ den EU-Anforderungen, da es den Fahrer auch aktiv warnt. Seit Marktstart 2018 wurden mehr als 20.000 Abbiegeassistenten in Deutschland verkauft, hieß es im Oktober 2020. Laut Luis Technology ist das System „Turn Detect“ unabhängig von Fahrzeugtyp und -klasse und mit geringem Aufwand nachrüstbar. Laut ADAC-Angaben kostet das Produkt 1.690 Euro, die Installation nimmt vier bis fünf Stunden in Anspruch. Da Luis Technology bereits die dritte Softwaregeneration des Systems auf den Markt gebracht hat, dürften die Kritikpunkte des ADAC-Tests angegangen worden sein. Auch Wünsche der Lkw-Fahrer seien implementiert worden, hieß es.

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Foto: Luis Technology Zwar überzeugte der „Turn Detect“ von Luis Technology im ADAC-Test nicht vollständig. Derzeit vermarkten die Hamburger allerdings die dritte Generation des Assistenzsyszems.
Foto: Bosch

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