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Foto: Truckoo GmbH
Julia Unützer kennt sich im Nfz-Segment aus, bringt Handelserfahrung mit und kommt aus der Tech-Szene. Beste Voraussetzung also für ein Geschäftsmodell namens Truckoo, das alle drei Aspekte einbezieht.

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"Wir denken den Nutzfahrzeughandel als Netzwerk"

Truckoo mischt den Nutzfahrzeughandel auf. Im Fokus des digitalen Netzwerkes stehen Werkstattpartner als unabhängige Gebrauchtfahrzeugprüfer. "Wir digitalisieren Vertrauen – und das endlich bei gebrauchten Nutzfahrzeugen", erklärte Gründerin Julia Unützer im amz-Interview.

Truckoo verändert die Vermarktung von gebrauchten Nutzfahrzeugen. Der Zeitpunkt erscheint günstig, schließlich herrscht viel Umschwung im Nfz-Markt: Handel und Servicebetriebe verjüngen sich, vielerorts gibt es Bewegung in der Branche – aus Millenials bzw. Vertretern der sogenannten Generation Y werden Inhaber und Geschäftsführer. Die wichtige Rolle im Netzwerk Truckoo.com übernehmen existierende Nutzfahrzeug-Partnerwerkstätten. Sie begutachten die Fahrzeuge über die eigens entwickelte Truckoo-Technologie.

Julia Unützer stammt aus einer Familie mit langer Historie in der Nutzfahrzeugbranche. Nach einigen Jahren in einem australischen Fintech-Startup und später in einer deutschen Unternehmensberatung erklärt sie im amz-Interview ihren Ehrgeiz, mit ihrem Mitgründer Max Füchsl den Handel mit Nutzfahrzeugen neu zu strukturieren. 

amz: In Ihrer Familie hat der Nfz-Handel Tradition. Zudem haben sowohl Sie als auch Ihr Bruder und Mitgründer Maximilian Füchsl in digitalen Start-ups gearbeitet. Dieser Hintergrund ist für Entwicklung, Aufbau und Tagesgeschäft von Truckoo bestimmt förderlich?

Julia Unützer: Im Gebrauchtfahrzeug-Handel und insbesondere im Lkw-Geschäft braucht man das Wissen um die Komplexität der Fahrzeuge, das technisches Verständnis und eine klare Vorstellung der weltweiten Handelsstrukturen und Regularien. Man muss wissen, welche Kriterien bei der Vermarktung eine Rolle spielen. Diese Kriterien waren Kern der Entwicklung unserer digitalen Inspektionstechnologie. Wir haben damit das Alleinstellungsmerkmal in der Branche erreicht.

Was verstehen Sie unter digitaler Inspektion?

J. Unützer: Wir haben die letzten 2 Jahre intensiv unsere App-Technologie entwickelt, um die gebrauchten Lkw möglichst genau digital abzubilden. Käufer wollen wissen, um welche Konfiguration es sich bei dem Lkw handelt und in welchem ehrlichen Zustand sich dieser befindet. Hier kommt es auf richtige und wichtige Folgefragen an. Diese "Truckoo-Tech" spiegelt Transporter über Schwerlaster bis zu Anhängern und Aufliegern in jeglicher Ausführung wider. Ein einfaches Beispiel: Wenn es sich bei dem zu verkaufenden Lkw um einen Kipper handelt, dann ist die Folgefrage wesentlich, ob zudem die richtige Hydraulik verbaut ist, um einen Tieflader zu ziehen.

Welche Fragen stellen Sie in technischer Hinsicht?

J. Unützer: Bei Truckoo finden sich Abfragen von der Profiltiefe der Reifen bis hin zum Motor-Start-Vorgang, und Überdruck im Öleinfüllstutzen – ein Hinweis auf eventuell hohen Verschleiß der Kolbenringe. Ebenso detailliert haken wir bei möglichen Schäden nach. Nehmen wir beispielsweise einen Lkw mit Motorschaden. Hier interessiert uns die Einschätzung unserer Partnerwerkstatt, ob die Laufbuchse gerissen ist oder nur ein Lagerschaden vorliegt. Wir optimieren mit unserem Angebot die Suche nach bestimmten Konfigurationen und reduzieren erheblich das Risiko für den Käufer.

Wo liegt der Vorteil ihres Ansatzes für die Partner?   

J. Unützer: Wir möchten den An- und Verkauf für Verkäufer und Ankäufer effizienter gestalten. Für Verkäufer ist der Verkauf über Truckoo kostenlos, fair und ohne Aufwand. Das Fahrzeug wird bei der vertrauten Werkstatt des Verkäufers inspiziert, anschließend werden verbindliche Gebote von unserem internationalen Käuferkreis abgegeben. Der Verkäufer muss nur akzeptieren oder verhandeln – einfach per Knopfdruck. Wir garantieren den gesamten Verkaufsprozess, von der Zahlung bis hin zur Übergabe und Abmeldung. Zudem sparen sich unsere Partnerhändler die 200 bis 1.000 Kilometer Fahrten, um das Nutzfahrzeug zu inspizieren. Unser Ziel ist es, endlich Vertrauen in die Branche zu bringen. Was digital abgebildet wird, entspricht dem Ist-Zustand. Die jeweiligen Informationen erhalten Kauf-Interessenten in ihrer jeweiligen Sprache. Weil der Gebrauchtfahrzeughandel sehr international ist, ist unser Angebot multilingual in bereits zehn Sprachen.

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Foto: Truckoo GmbH Als qualitätssichernde Maßnahme begutachten die Gründer und ihre Mitarbeiter die eingestellten Fahrzeuge auf Plausibilität. Insgesamt arbeiten Händler und Werkstätten aber sehr gründlich, lautet das Fazit von Julia Unützer nach Testphase und Liveschaltung.

Was haben Werkstätten von ihrer Dienstleistung?

J. Unützer: Eine Truckoo-Partnerschaft ist für Servicebetriebe in mehrerlei Hinsicht vorteilhaft: Werkstätten beteiligen wir an der Transaktionsmarge. Neben der monetären Erfolgskomponente ergibt sich ein zusätzlicher Kundenservice, den die Werkstätten als Truckoo-Partner anbieten. Es ist in der Branche gängige Praxis, dass Werkstätten Anfragen erhalten und Kunden bei der Vermarktung unterstützen. Durch unsere internationale Plattform findet dieser Support für die eigenen Kunden einfacher statt. Gleiches gilt natürlich, wenn ein Fahrzeug gesucht wird - hier überzeugt unser Service durch Einfachheit. Und nicht zu vergessen: Partner erhöhen ihre Werkstattauslastung, denn nicht selten erhalten Fahrzeuge vor oder nach dem Kauf eine neue TÜV-Plakette, Reparaturen oder sogar Anfertigungen.

Wie viele Partner zählt das Truckoo-Netzwerk aktuell?

J. Unützer: Wir arbeiten bereits mit über 100 Werkstätten in Deutschland zusammen und wollen das bestehende Netzwerk weiter ausbauen – in Deutschland und international. Auch auf Seite der Käufer sind wir breit aufgestellt und konnten bereits viele internationale Nfz-Händler von unserem Angebot überzeugen.

Welche Art von Werkstatt ist für Truckoo interessant? Welche Voraussetzung müssen Technikpartner erfüllen?

J. Unützer: Wir arbeiten mit professionellen und kompetenten Nutzfahrzeug-Werkstätten zusammen. Uns ist wichtig, dass die Betriebe unser Angebot kennen, schätzen und ihren Kunden anbieten. Das heißt, wenn die Werkstattkunden Fahrzeuge an- oder verkaufen wollen, können Werkstätten diesen Prozess als Experte und Servicepartner begleiten.

Das Onboarding der Partnerbetriebe ist das eine, das Qualitätsmanagement auf Zeit das andere – sind bei Ihnen Audits vorgesehen?

J. Unützer: Wir führen zum einen persönliche Checks durch. Damit meine ich, dass wir sehr nah an den Werkstätten dran sind und jeden Betrieb persönlich vor Ort kennen – dieses Engagement ist wichtig für die Partnerschaft und das Vertrauen. Außerdem leisten wir uns eine Qualitätssicherung bei jedem Fahrzeug, das auf der Truckoo-Plattform eingestellt wird, und prüfen die von den Werkstätten eingestellten Bilder und Angaben. Unsere Erfahrung bisher: Die Partner begutachten überaus gründlich und erheben teils mehr Daten als notwendig.

Auf welche Schritte müssen sich Interessenten einstellen?

J. Unützer: Die teilnahmewilligen Nfz-Betriebe können sich binnen drei Minuten auf Truckoo.com registrieren. Wir prüfen im Gegenzug erst die angeforderten Dokumente und treten anschließend mit den Unternehmen in Kontakt. Dann folgt eine Kennenlernphase, mit der Möglichkeit, unser Angebot einen Monat lang zu testen. Beim persönlichen Kontakt erklären wir Inhabern oder Kfz-Meistern unser Angebot und stellen ihnen Marketingmaterial zur Verfügung.

Inwiefern ist die Branche reif für eine Disruption?

J. Unützer: Der Begriff wird in letzter Zeit leider inflationär verwendet und ist einfach falsch. Wir denken in einer Netzwerkperspektive und modernisieren den Markt für alle Partner, die mit uns das Netzwerk ausbauen. Wir treten mit dem Anspruch an, den Gebrauchtwagenhandel von Nutzfahrzeugen transparent, einfach und fair zu gestalten – und drängen möglicherweise jene aus dem Markt, die sich zu den "Schwarzen Schafen" zählen müssen.

Wie funktioniert der Handel aktuell?

J. Unützer: Gebrauchte Nutzfahrzeuge werden lokal oder regional an den Handel verkauft. Der An- und Verkauf ist für den Händler mit sehr hohen Kosten und Risiken verbunden, beispielsweise für die weiten Anfahrten für die Inspektionen vor Ort, die langen Standzeiten von sechs bis zwölf Monaten bei Nutzung der bestehenden Plattformen wie "mobile.de". Unsere Technologie verfolgt einen alternativen Ansatz: Wir denken in einer Netzwerkperspektive. Die Werkstätten sind nah an Fahrzeughaltern und Fuhrparks dran, kennen den Fahrzeugzustand und wissen, welche Fahrzeuge für den Verkauf vorgesehen sind oder ob Bedarf für eine Anschaffung existiert. Nicht zuletzt haben Nfz-Techniker die Kompetenz, ein Fahrzeug zu bewerten. Dieses Wissen machen wir über Truckoo nutzbar – für Endkunden, für die Partnerhändler und natürlich auch für die Partnerwerkstätten. Jeder profitiert!

Zumeist handelt es sich in Deutschland um junge Fuhrparks, insbesondere im Fernverkehr und Schwerlastbereich. Welche Fahrzeuge stehen bei Truckoo im Fokus?

J. Unützer: Wir wollen uns nicht fokussieren, sondern mit und für unser Netzwerk die Gebrauchtplattform für die Nfz-Branche sein. Jeder, der ein Gebrauchtfahrzeug verkaufen möchte, soll an Truckoo denken. Wir bieten demnach alle Fahrzeuge, die kommerziell betrieben werden, vom Transporter bis zum Schwerlaster, zudem alle Anhänger und Auflieger. Wir decken typseitig alles ab. Ähnliches gilt für Preise, Laufleistung sowie Fahrzeugalter.

Wie verdient Truckoo Geld?

J. Unützer: Partnerschaft und Registrierung für unsere Plattform sind kostenfrei. Unsere Käufer erhalten alle Informationen, die sie benötigen, um die Kaufentscheidung treffen zu können. Sie sparen sich den Weg und die Zeit einer persönlichen Inspektion – für diese Leistung erheben wir eine Transaktionsgebühr, die bei jedem Fahrzeug transparent angezeigt wird.

Wie steht es in puncto Datennutzung?

J. Unützer: Wir sehen uns als Tech-Unternehmen. Das schließt auch das Thema Daten ein. Wir nutzen die gewonnen Informationen nur für interne Zwecke, um unseren Partnern den Wert der Fahrzeuge nahe zu bringen. Unser Anspruch ist es, ein transparentes Preisgefüge für Verkäufer wie für Käufer zu schaffen. Bei den bekannten Datenanbietern stößt man an Grenzen, was genauere Informationen und Wertangaben zum Nfz-Fuhrpark anbelangt – insbesondere, wenn es sich um Fahrzeuge geht, die hinten kippen oder kühlen. Wir sind die einzigen, die den Fahrzeugaufbau berücksichtigen.

Frau Unützer, vielen Dank für das Gespräch!

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Foto: Truckoo GmbH Mit Max Füchsl gründete Julia Unützer Truckoo vor zwei Jahren. Ihr Bruder war Teil der Geschäftsführung des väterlichen Nfz-Handelsunternehmens und sammelte ebenfalls Erfahrungen in der digitalen Gründerszene.

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Foto: CMS - CarMobileSystems

Online-Marktplatz

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Foto: Axalta

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Hilfe zur Selbsthilfe im Netzwerk: Die Lackmarke Spies Hecker startete vor 30 Jahren den Profi-Club für einen Wissenstransfer in die neuen Länder.