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 Mercedes lässt die S-Klasse autonom fahren.
Foto: Mercedes-Benz
Mercedes lässt die S-Klasse autonom fahren.

Mercedes Drive Pilot

Wenn der Stau zur Oase wird

Für die elektrische und die klassische Mercedes S-Klasse kann erstmals ein System bestellt, werden, das automatisiertes Fahren nach Level 3 ermöglicht. Aber es funktioniert derzeit nur auf deutschen Autobahnen und auch nur bei Tageslicht.

Und schon wieder beginnt ein Stück Zukunft, für Mercedes ist es sogar ein neuer Meilenstein. Erstmals und zurzeit auch nur in Deutschland erhält ein Autohersteller den staatlichen Segen, in ein Serienauto ein System einzubauen, bei dem der Fahrer die Verantwortung im Alltagsverkehr an die Technik abgeben kann. Bisher wurde der Mensch in vielen modernen Autos von diversen Assistenzsystemen unterstützt, durfte aber nur für einige Sekunden das Lenkrad loslassen. Jetzt mutieren die Assistenten zu Automaten, die das Kommando auf Tastendruck  übernehmen dürfen. Das zentrale Thema dabei ist der tägliche Frust im Autobahn-Stau.

„Wir wollen unseren Kunden ein Stück ihrer wertvollen Zeit zurückgeben“, erklärt Georges Massing, der für das automatisierte Fahren verantwortliche Vize-Präsident in der Mercedes-Führungsriege. Der Drive Pilot übernimmt auf der Autobahn Tätigkeiten des Fahrers wie das Lenken, Bremsen, Spurhalten oder Beschleunigen. Bei alledem muss er nicht einmal besonders wachsam sein. Denn solange das ausklügelte System das Kommando hat, kann sich der Mensch entspannen und anderen Aufgaben widmen. „Das Thema Verantwortung ist dabei die Kernfrage. Wir sind uns jetzt sicher, dass wir und vor allem unsere Kunden auf der sicheren Seite sind“, sagt Massing.

Über 30 Sensoren

Erste Begegnung mit dem unsichtbaren Teilzeit-Kapitän auf dem stets dicht befahrenen Berliner Autobahn-Stadtring, die Schlange all der normalen Autos schiebt sich eher bedächtig über den Asphalt. Beim Einfädeln in den laufenden Verkehr verharrt das System noch in der Rolle eines Co-Piloten. Über 30 Sensoren, diverse Kameras, Radaraugen, Ultraschall oder das sogenannte Lidar, eine Kombination aus Laser und Radar, haben das Geschehen rund um die schwarze S-Klasse im Blick, füttern den Bordrechner mit Daten. Im Zentralinstrument hinterm Lenkrad erscheint rund um das Symbol des eigenen Fahrzeugs wie in einem Video-Ballerspiel eine Herde von bewegten Rechtecken. Das sind alle Autos im Umkreis des Mercedes. Willkommen im Gewühl einer deutschen Autobahn in Stadtnähe.

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Ein Teil der Sensorik steckt unter der Frontmaske.
Foto: Mercedes-Benz
Ein Teil der Sensorik steckt unter der Frontmaske.

Dann nimmt die Kolonne Fahrt auf, zieht sich dabei etwas auseinander. Im Instrument erscheint ein „A“, die Aufforderung an den Fahrer, eine der beiden Tasten in Daumen-Reichweite am Lenkrad zu drücken. Ein grünes Licht signalisiert umgehend die Zeitenwende als wollte das Auto mitteilen: „Jetzt fahre ich, lehn dich zurück“. Natürlich kommt erstmal eine Art Unbehagen auf. Eingeklemmt zwischen einem Transporter links und einem dicken Truck auf der rechten Spur in Richtung einer sanfte Linkskurve. Unwillkürlich nähern sich die Hände von ihrem Ablageplatz im Bereich der Oberschenkel wieder dem Lenkradkranz. Doch schneller als gedacht weicht die Anspannung zwar noch nicht der Entspannung. Doch die Souveränität, mit der sich das Luxusgefährt im Trubel bewegt, beruhigt.

Neueste Nachrichten auf dem Zentralmonitor

Um die neue Freiheit der Verantwortungslosigkeit auszukosten, dürften jetzt auf dem großen Zentralmonitor mit Hilfe eines Browsers Börsenkurse oder neueste Nachrichten gelesen, das Handy ohne Freisprechanlage benutzt werden. Dank der hohen Rechnerleistung und guter Online-Verbindung wäre auch das Streamen der Lieblingsserie möglich, man könnte aber auch beobachten, wie sich rechts neben der Autobahn die S-Bahn locker am Straßenverkehr vorbeischiebt. Auch der Abstand zum Vordermann nimmt zu. Denn die anderen sind einfach schneller unterwegs, haben keine programmierte Höchstgeschwindigkeit. Der Automaten-Mercedes verharrt bei Tempo 60, so steht es im Gesetz und ist Voraussetzung für die Zulassung des Drive Pilot.

„Der Stau ist nun mal unser Hotspot“, erklärt Ingenieur Taner Kandemir, „bei unseren Versuchsfahrten haben wir 200.000 Stunden im Stau verbracht“. Er könne mit dem derzeitigen Limit von 60 km/h gut leben, weil es den Bereich der langen Kolonnenfahrten mit ständigem Stopp-and-Go abdeckt, der im Alltagsleben die Kunden häufig stresst und ihre ständige Wachsamkeit erfordert. Doch die Tempobremse ist nicht die einzige Einschränkung, den künftige Kunden in Kauf nehmen müssen und dafür 5.950 Euro für die S-Klasse oder 8.840 Euro für den Edel-Stromer EQS an Aufpreis bezahlen. Der Drive Pilot funktioniert nur auf der Autobahn, beherrscht noch keine Spurwechsel zum Beispiel fürs Überholen. Das defensive Fahren gehört zum Programm.

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Möglich ist das hochautomatisierte Fahren zunächst nur auf definierten Strecken.
Foto: Mercedes-Benz AG
Möglich ist das hochautomatisierte Fahren zunächst nur auf definierten Strecken.

Hilfe wird automatisch geholt

Auch bei Nacht, in Tunneln, bei starkem Regen oder Schnee oder in Baustellen verweigert das System die Arbeitsaufnahme, da die Kameraaugen nun mal immer gute Sicht verlangen. Es kann aber auch Vorbild für die anderen Teilnehmer am Verkehr sein. Droht der Stillstand, bildet diese S-Klasse den Leitwolf für eine Rettungsgasse. Erkennen die Sensoren, die auch den Fahrer im Blick haben, dessen medizinische Unpässlichkeit oder Schlimmeres, wird das Auto behutsam auf seiner Spur gestoppt, und automatisch Hilfe geholt. „Der nachfolgende Verkehr wird gewarnt, dass unser Auto gleich zum Stehen kommen wird“, sagt Taner Kandemir. Für den Medizincheck misst die Kamera auch die Frequenz des Blinzelns der Augenlider, die ein verlässlicher Indikator für den Gesundheitszustand sind.

Zugegeben, der Mehrwert des Drive Pilots ist im heutigen Stadium noch überschaubar, da vor allem strenge Vorgaben der Behörden und auch der Stand der Technik möglichen Übermut der Ingenieure ausbremsen. Trotzdem geht erstmals ein System in die Serienproduktion, dass die Verantwortung eines Fahrers zum Thema macht und an dem gut 1.000 Fachleute in verschiedenen Abteilungen bei Mercedes lange geforscht und entwickelt haben. Schließlich muss der Autobauer haften, wenn es durch die Technik zu einem Schaden kommen würde.

Manchmal sind es die kleinen Schritte mit großer Technik, die uns weiterbringen. Die gute Nachricht: Endlich ist Deutschland mal wieder ein weltweiter Vorreiter,

Peter Maahn/SP-X