Marktforschung

Trübe Aussichten?

Eine Studie der Marktforscher von Roland Berger und Lazard sorgt für Aufregung: Sie sagt den Automobilzulieferern schwere Zeiten voraus.

Es sind die technologischen Herausforderungen der unmittelbaren Zukunft, die in der Studie als „MADE-Trends“ (neue Mobilität, Autonomes Fahren, Digitalisierung, Elektrifizierung) zusammengefasst werden und seit einiger Zeit der wachstumsverwöhnten Branche schwer im Magen liegen – ein treffender Begriff, scheinen doch manche der nun auftretenden Probleme in der Tat selbst „gemacht“. Die Automobilzulieferer mussten dabei zum eigenen Leidwesen den von der selbst verschuldeten „Dieselkrise“ vorwärts getriebenen Autoherstellern im Windschatten hinterher eilen. Jetzt geraten sie in die Zwickmühle, denn die Hersteller geben den Kostendruck an die Zulieferer weiter und nötigen diese gleichzeitig zu Investitionen in die Zukunftstechnologien.

Laut Berger und Lazard hat die Zuliefererbranche die MADE-Trends lange Zeit verschlafen, weil die Bilanzen nach der Finanzkrise jedes Jahr neue Rekordgewinne auswiesen und man die öffentlichen Debatten um ökologische Mobilität und die Digitalisierung der Industrie nicht als relevant wahrnahm.

Hinzu kommen negative Effekte aufgrund des Handelskriegs zwischen den USA und China: Die Märkte in Nordamerika und Europa stagnieren und aufgebaute (Über-) Kapazitäten in China sind nur zu 30 bis 40 Prozent ausgelastet.

Die globale Pkw-Produktion befindet sich weltweit im Sinkflug. Gegenüber dem Vergleichszeitraum 2018 wurden im ersten Halbjahr 2019 fünf Prozent weniger Pkw produziert – und um rund fünf Prozent wir der Umsatz der Zulieferer 2019 voraussichtlich einbrechen, erstmals nach sieben Jahren stetigen Wachstums. Die Profitabilität nimmt dabei sogar noch drastischer um voraussichtlich 17 Prozent ab. Mit einem Profitabilitätswert von etwa 6,0 bis 6,3 Prozent nähert sich die europäische Zulieferindustrie laut Berger/Lazard einer Grenze, „bei der sowohl die Eigenfinanzierung, als auch die Refinanzierung am Kapitalmarkt schwieriger“ werden. Der Marktvorteil liegt derzeit bei den chinesischen Zulieferern, da viele Autohersteller im Land der aufgehenden Sonne Produktionsstätten aufgebaut haben.

Voll ins Risiko?

Die Marktforscher gehen davon aus, dass eine höhere Nachfrage für E-Mobilität entsteht, weil der gesetzliche Druck zunimmt und zweitgleich Batteriekosten sinken und die Ladeinfrastruktur wächst. Außerdem verändere sich der Mobilitäts-Mix, weil neue Mobilitätsformen entstünden. Außerdem gebe es durch datenbasierte und digitalisierte Geschäftsmodelle neue Geschäftspotenziale. Dagegen ist der Trend des autonomen Fahrens noch mit deutlich größeren wirtschaftlichen Risiken behaftet.

Den europäischen Zulieferern bleibt nichts anderes übrig, trotz enormen Kostendrucks in die Trend-Technologien zu investieren – ohne die gewohnte Sicherheit, dass diese sich auch erfolgreich etablieren können. Überall wartet unsicheres Terrain: Die Nachfrage nach einer Vielzahl von Zulieferprodukten wird abnehmen, die Hersteller werden einen hohen Kostensenkungsdruck weiterreichen und entlang der gesamten Wertschöpfungskette drängen neue Konkurrenten auf den Markt. Der Umbau der Zulieferindustrie führt außerdem zu dramatischen Veränderungen bei den erforderlichen Mitarbeiter-Qualifikationen.

Während also ein enormer Investitionsdruck herrscht, wird zugleich der Zugang zu investierbarem Kapital immer schwieriger, weil die Zuliefererbranche für Investoren an Attraktivität einbüßt.

Transformation – aber wohin?

Die Marktforscher gehen davon aus, dass die Zulieferer ihr Überleben nur sichern können, wenn sie ihr Geschäftsmodell transformieren und sich gewissermaßen auf mehr als einem Bein aufstellen. Sie müssen zu Service-Anbietern und Komponenten-Herstellern werden, weil das traditionelle Zuliefergeschäft ebenso wie der Markt für die traditionelle Mobilität immer kleiner wird.

Nach Ansicht von Berger/Lazard lastet auf den kleineren Zulieferern der größte Anpassungsdruck, aber auch die Aftermarket-Unternehmen sind zunehmend betroffen. An Kostenoptimierung kommt dabei scheinbar niemand vorbei, wenn er überleben will. „Technologie-System-Integratoren“ wie etwa Bosch haben es da einfacher, weil sie unverändert relevant bleiben und ihre Marktpräsenz nutzen können, um sich in neuen Bereichen zu etablieren. Aber auch für traditionelle Zulieferer gilt, dass ein breites Produktportfolio die Abhängigkeit von negativen Marktentwicklungen vermindert. Je nach Unternehmensgröße können sich Zukäufe kleinerer Unternehmen rentieren, um sich breiter aufzustellen oder zukunftssichere Technologien ins Portfolio zu holen. Umgekehrt kann das für kleinere Unternehmen ein Weg sein, das eigene Bestehen unter einem größeren Dach zu sichern. Einen universell gangbaren Weg für alle gibt es nicht, glauben die Marktforscher – aber in einem Punkt gibt es keine Alternative: Die Unternehmen sollten jetzt handeln.