Foto: amz / Bumer

Karosseriebewertung

Thermografie: Unter den Lack geschaut

Egal ob Leasingrückläufer, guter Gebrauchter oder Wochenendfahrzeug – der fachmännische Blick beurteilt zumeist sehr treffsicher. Nur wie es unter dem Lack aussieht, lässt sich nicht feststellen. Hier hilft die Thermografie.

Nichts ist ärgerlicher, als einen Schaden am Fahrzeug nicht rechtzeitig zu entdecken – sei es beim eigenen Handel mit Gebrauchtfahrzeugen, bei der Einschätzung für einen Kunden oder bei der Wertermittlung eines Leasingrückläufers. Leider zeigt sich immer wieder, dass die sprühende Zukunft ihr Handwerk versteht. Immer schön nach dem Motto: „Was des Schlossers Kunst nicht ziert, wird mit Spachtel zugeschmiert.“ Leider sind daher Beschädigungen am Fahrzeug oftmals mit dem bloßen Auge nicht erkennbar.

Selbst mit Testmagneten und dem Schichtdickeprüfgerät findet man nicht zuverlässig die Stellen an der Karossiere, an denen schon einmal Hand angelegt wurde. Zwar ist eine fachlich sauber ausgeführte Nachlackierung nicht zwangsläufig etwas Schlechtes, etwa um Kratzer von der letzten Kollision mit einem Einkaufswagen verschwinden zu lassen. Ob aber nur nachlackiert wurde oder das Blech nach allen Mitteln der Kunst wieder in Form gebracht wurde, lässt sich oft nur schwer beurteilen. Einen wirklichen Blick unter das Lackkleid ermöglicht hingegen das Thermografie-Gutachten. Ohne Beschädigung und in kürzester Zeit kann das gesamte Fahrzeug auf Nacharbeiten analysiert werden – Hightech, der sich auszahlt. Hier haben uns das Verfahren bei der SVS-Sach-Verständigen-Stelle in Frankfurt vor Ort angesehen.

Abkühlung wird gemessen

Wie der Name schon vermuten lässt, arbeitet das System über Wärme: zwei vier Kilojoule starke Fotoblitze belichten das Fahrzeug für den Bruchteil einer Sekunde. Eine Wärmebildkamera misst anschließend die Auskühlung der Fahrzeugpartien. Nur logisch, dass Blech ein anderes Auskühlverhalten zeigt als Kunststoff, Carbon, zwei Lagen Lack oder eben Spachtelmasse.

Schaden am Heck: Bei diesem A4 wurde krftig Hand angelegt.Foto: SVS Sach-Verstndigen- Stelle GmbH

Mit dieser Methode lässt sich rund 600µm tief in die Oberfläche hineinblicken – weiter reicht der Wärmeeintrag der Blitze nicht. Soll aufgrund bereits verdächtiger Stellen tiefer nachgesehen werden, kommen Hochleistungshalogenscheinwerfer zum Einsatz: Diese strahlen das Fahrzeug 10 bis 15 Sekunden lang an und heizen es etwa um 10 Grad auf. Die darauf folgende Abkühlphase wird wieder mittels Wärmebildkamera erfasst und kann ebenfalls bildlich ausgewertet werden. Der Lack wird bei diesem Verfahren übrigens nicht beschädigt: Die eingebrachte Energie ist bei beiden Methoden geringer als wenn das Fahrzeug an einem schönen Sommertag in der Mittagssonne stehen würde.

Die unterschiedlichen Wärmequellen sind eine gute Ergänzung: Da der Blitz aufgrund der geringen Wärmeleistung nicht tief „eindringt“, liefert er hochauflösende Bilder von den oberen Lachschichten. Selbst einzelne Sprühbewegungen des Lackierers werden sichtbar. Die Halogenstrahler hingegen sind der „Dampfhammer“ in Sachen Wärmeeintrag. Die Wärme dringt tief in die Komponenten ein und durchdringt auch mehrere Millimeter dicke Spachtelschichten oder Dämmmatten im Inneren der Fahrzeugtür. So lassen sich größere Reparaturen oder Blecharbeiten in der Tiefe gut finden – allerdings zu Lasten der Genauigkeit bei geringen Schichtdicken. Ob ein oder zwei Schichten Lack aufgetragen sind, ist allein mit dem Halogenfluter nur schwer feststellbar.

Foto: amz / Bumer

Die Kombination macht es also. Montiert auf einer Schiene fährt das Analysegerät schrittmotorgesteuert das Fahrzeug über die komplette Länge ab und nimmt viele Einzelbilder auf. Erst der Fotoblitz, dann die Scheinwerfer, einige dutzend Zentimeter weiterfahren und das Spiel beginnt von vorne. Am Computer werden die aufgenommenen Einzelbilder der beiden Verfahren und deren Abkühlkurven anschließend übereinandergelegt und verrechnet. So lassen sich von der obersten Schicht bis in tiefste Blechstrukturen alle Teile der Karosse einschätzen. Erfahrung gehört aber ebenso dazu: Mit Hilfe von Versuchen und dutzenden bereits untersuchten Fahrzeugen lässt sich abschließend einschätzen, ob die geringere Auskühlung nur eine dickere Fillerschicht ist, ob geschweißt wurde oder ob es sich um Spachtelmasse handelt. Je dunkler die Farbe, desto dicker wurde aufgetragen.

Zwei Hochleistungsblitze und ein Halogenfluter sorgen fr den notwendigen Wrmeeintrag ohne den Lack zu beschdigen.Foto: amz / Bumer

Neben dem Auffinden eines Schadens ist es auch möglich, diesen mit Hilfe des „Röntgenblicks“ zu analysieren. Denn für viele Fahrzeugbesitzer ist ein gut reparierter Schaden hinnehmbar, sofern sie beim Fahrzeugkauf Kenntnis davon hatten. Bei den Bildern gilt: je dunkler die Farbe, desto länger die Auskühlphase und umso dicker wurde hier aufgetragen. An wen richtet sich die Thermografie? Im Prinzip an jeden, der beim Fahrzeugkauf sicherstellen möchte, ein unfallfreies beziehungsweise ein nicht instandgesetztes Fahrzeug zu kaufen. Die Analyse einer Wagenseite dauert etwa 10 bis 15 Minuten, sodass innerhalb einer halben bis Dreiviertelstunde ein erstes Urteil gegeben werden kann.

Die Kosten liegen bei etwa 150 Euro für den einfachen Scan beider Seiten. Für einen Gebrauchtwagen unter 5.000 Euro wahrscheinlich zu viel, beim jungen Gebrauchten, teuren Leasingrückläufer, Sportwagen oder gar wertvollen Oldtimer jedoch seinen Preis wert. Denn die Analyse kann vor teuren Fehlkäufen bewahren, sollte das Fahrzeug entgegen der Beschreibung doch nicht frei von Mängeln sein.

Neben ganzen Fahrzeugen können auch einzelne Fahrzeugteile analysiert werden, etwa teure Aluminiumfelgen aus Sport- oder Hochleistungsversionen. Denn ob der Satz 20-Zoll-Felgen wirklich frei von Bordsteinschäden ist oder ob per Smartrepair die Optik wiederhergestellt wurde, lässt sich ebenfalls mit der Thermografie feststellen. Auch Anbauteile aus Sportversionen, die bekanntermaßen häufig Bodenkontakt haben, lassen sich überprüfen. Gerade für hochpreisige Fahrzeuge ist das Verfahren daher eine zusätzliche Option, seltene Anbauteile wie Felgen, Schürzen und Verkleidungen auf deren Originalität und Zustand zu untersuchen.

Überkopf oder mobil
Alles in Ordnung: Dieser Toyota hat nichts zu verbergen.Foto: SVS Sach-Verstndigen- Stelle GmbH

Neben dem Scan der beiden Fahrzeugseiten aus dem Stand kann das System auch überkopf eingesetzt werden, um Heckklappe, Dach und Motorhaube zu analysieren. Dafür wird die Apparatur mittels eines Hubwagens auf eine entsprechende Höhe gebracht, um dann nach bekannter Vorgehensweise in der Senkrechten zu scannen. Auch hier liegt der Fokus vor allem auf seltenen Anbauteilen und Materialien wie Spoilern, Lufthutzen oder Carbonteilen – diese lassen sich so auf Reparaturen und Risse prüfen. Auch lässt sich eine Antwort auf die Frage finden, ob das Entenbürzel schon ab Werk auf der Heckklappe saß oder erst nachträglich platziert wurde.

Die Überprüfung funktioniert übrigens auch mobil. Dank fortgeschrittener Computertechnik reicht schon ein leistungsfähiges Notebook für die Analyse aus. Montiert auf einem Stativ, lässt sich das System auch vor Ort einsetzen, etwa wenn nicht fahrbereite Autos oder Sammlungen untersucht werden sollen – die Analyse dauert wegen der Ausrichtung der Kamera dann nur entsprechend länger.

Fazit

Das Thermografie-Verfahren macht sichtbar, was bislang im Verborgenen blieb. Von der gut ausgeführten Nachlackierung über neu eingesetzte Blechteile bis hin zu Spachtelorgien – dem Computerauge entgeht nichts. Selbst der Austausch von beschädigten Karosserieteilen durch Neu- oder Gebrauchtteile des Herstellers bleibt nicht unentdeckt. Denn auch die Computer am Produktionsband lackieren kein Auto vollständig gleich, sodass minimale Abweichungen selbst bei „Farbzwillingen“ auffallen. Preislich günstig und mit einer Dauer von etwa einer Stunde sehr schnell bietet die Thermografie einen umfassenden Einblick wie sonst kein anderes Prüfverfahren. Wer bei seinem Traumfahrzeug sicher gehen will, sei es der gebrauchte Golf 7 oder der Adler Trumpf von 1935, macht mit dieser Analyse keinen Fehler und senkt das Risiko beim Kauf. Hier finden Sie das Unternehmensvideo der SVS-Sachverständigenstelle Frankfurt zum Thermografiegutachten.

Kontakt:

SVS-Sach-Verständigen-Stelle für Kfz-Gutachten, Technik und Controlling GmbH
Adresse: Westerbachstraße 134, 65936 Frankfurt am Main
Telefon: 069 6060860
Web: www.svs-gutachten.de

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