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Prall gefüllte Paletten – so ist es aktuell leider nicht bei allen Produkten im Kfz-Teilegroßhandel. 
Foto: amz – Ingo Jagels
Prall gefüllte Paletten – so ist es aktuell leider nicht bei allen Produkten im Kfz-Teilegroßhandel. 

Ersatzteilversorgung

Teilweise nicht lieferbar

Erst die Corona-Pandemie, dann der russische Angriffskrieg auf die Ukraine – die weltweiten Lieferketten sind weiterhin erheblich angespannt. Wie ist die aktuelle Situation im Kfz-Teilehandel und den Werkstätten? Die amz-Redaktion hat sich in der Branche umgehört.

Während die Produktionskapazitäten in der Ukraine brachliegen und Waren aus Russland den Sanktionen des Westens unterliegen, hemmt die chinesische Zero-Covid-Strategie weiterhin den Gütertransport in die Weltmärkte. Diese weltpolitischen Themen haben hierzulande weiterhin zum Teil erhebliche Auswirkungen auf die Arbeit der Kfz-Werkstätten. „Die Situation ist seit der Corona-Pandemie angespannter denn je“, erklärt Velten Perlberg, Geschäftsführer des Hannoveraner Teilegroßhändlers Heil & Sohn. „Dabei ist es eher selten der Fall, dass komplette Produktgruppen nicht lieferfähig sind. Meistens betrifft es einzelne Referenzen, die dann aber über Monate nicht verfügbar sind.“ Peter Wagner, Leiter des Geschäftssegments Automotive Aftermarket bei Continental, bestätigt diese Aussage: „Es kommt auch bei uns vereinzelt zu Verzögerungen bei der Auslieferung. Hier reden wir aber von einzelnen Fahrzeugapplikationen. Systematische Probleme, im Sinne von Nichtverfügbarkeit von kompletten Produktgruppen, sehen wir nicht.“

Ankündigungen der Lieferanten sehr unsicher

Bei manchen Produkten können die Verzögerungen aber durchaus erheblich sein. Thorsten Rahn, Geschäftsführer beim Bielefelder Teilehändler Wittich: „Viele Ankündigungen der Lieferanten sind sehr unsicher. Es gibt mittlerweile sogar den einen oder anderen, der sich zu Lieferterminen gar nicht mehr äußert. Natürlich kann ich die Lage der Hersteller verstehen, aber das macht die Sache nicht besser.“ Bei Werkstattwagen sei ihm jüngst eine Vorlaufzeit von 15 Monaten genannt worden. Rahn: „Vielleicht gibt es ja einen Zufall und es wird ein Kontingent frei, dann bekommt man die Ware eventuell auch schon früher. Es kann aber auch genauso gut passieren, dass erst nach 24 Monaten geliefert wird. Man weiß es einfach nicht.“

Ähnliche große Probleme gibt es seit der Corona-Pandemie beispielsweise bei Karosserieteilen oder elektronischen Komponenten. Das hat sich bis heute nicht geändert. Bei den Produkten des „täglichen Bedarfs“ einer Werkstatt ist es glücklicherweise deutlich besser um die Lieferfähigkeit des Teilegroßhandels bestellt. „Der klassische Ersatzteil- und Verschleißbedarf ist gut im Fluss“, sagt Thomas Rast, Inhaber einer freien Werkstatt in Osterholz-Scharmbeck bei Bremen. „Natürlich ist mal das eine oder andere Teil nicht zu bekommen, aber meistens liegen die Verzögerungen nur bei ein paar Tagen.“

Martin Zacharias, der in Hamburg eine freie Werkstatt führt, kann dies bestätigen: „Bei den typischen Verschleißteilen geht es noch. Unsere Teilehändler sind da sicherlich lieferfähig.“ Schwieriger werde es aber im OE-Bereich. „Ich kann nicht für alle Marken sprechen, aber ich hatte in letzter Zeit häufiger Schwierigkeiten mit Mercedes-Ersatzteilen“, berichtet Zacharias. Aktuell könne ein bestimmter NOX-Sensor nicht geliefert werden, neulich sei ein Blinker für den Außenspiegel nicht verfügbar gewesen. „Das Problem ist vor allem, dass man nicht einmal einen Liefertermin genannt bekommt. Die Verzögerung kann dann auch bei mehreren Monaten liegen“, so Zacharias.

Einkauf bei alternativen Quellen

Die Werkstätten reagieren auf die aktuelle Situation mit einer großen Portion Pragmatismus. „Man sagt dem Kunden nicht einfach, dass man sein Fahrzeug nicht reparieren kann, weil man ein bestimmtes Teil nicht bekommt. Dann muss man flexibel sein und sich andere Quellen suchen“, erläutert Thomas Rast. „Auch wenn es natürlich einen zusätzlichen Aufwand bedeutet, suchen wir eben bei drei, vier oder auch mal fünf anderen Quellen.“ Neben anderen deutschen Teilehändlern zählen mittlerweile auch mehrere Anbieter aus dem europäischen Ausland zum Kreis seiner Lieferanten.

Ähnlich agiert Martin Zacharias, wenn der Stammlieferant ein bestimmtes Teil nicht liefern kann. Gerade bei älteren Fahrzeugen sei die Suche bei alternativen Lieferanten eine vielversprechende Möglichkeit. Aber auch er nennt den erhöhten Aufwand, der damit verbunden sei. „Das ist für uns natürlich nicht der ideale Weg, weil man die Extra-Suche nicht bezahlt bekommt.“ Er verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Belastung der Liquidität bei größeren Karosseriereparaturen. Zacharias: „Wir gehen beim Einkauf der Teile und bei der Bezahlung des Lackierers in Vorleistung, um dann wochen- oder sogar monatelang auf die restlichen Teile zu warten. Ist die Reparatur dann endlich abgeschlossen, kann es noch einmal sechs Wochen dauern, bis man sein Geld von der Versicherung bekommt.“

Neben dem Einkauf bei alternativen Quellen rückt bei den Werkstätten eine weitere praktikable Möglichkeit in den Fokus, die heutzutage ansonsten oftmals in Vergessenheit geraten ist: Es wird wieder repariert, wo bisher ausgetauscht wurde. „Wir haben hier gerade ein defektes Steuergerät von einer spezialisierten Firma überprüfen und reparieren lassen. Der Preis lag in etwa bei der Hälfte dessen, was ein neues Gerät gekostet hätte“, erzählt Werkstattmann Thomas Rast. Bei größeren Reparaturen an Motoren oder Getrieben setzt er mittlerweile auch auf gebrauchte Teile.  

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Bei Standard-Produkten für Reparatur und Wartung ist die Versorgungslage glücklicherweise gut. 
Foto: amz – Ingo Jagels
Bei Standard-Produkten für Reparatur und Wartung ist die Versorgungslage glücklicherweise gut. 

Doch wie kann der Teilehandel mit der aktuellen Situation umgehen? Möglich ist das wohl nur durch eine deutlich bessere Planung als in „normalen Zeiten“.  Velten Perlberg von Heil & Sohn: „Wir müssen auf Weitsicht fahren, Alternativen vorhalten oder Artikel auch von anderen Quellen beschaffen. Dazu kommt, dass man zur richtigen Zeit die richtige Menge bevorraten muss, eine Lageraufstockung ist unabdingbar.“ Der Handel übernehme somit verstärkt auch Funktionen der Industrie und der Repacker, um weitere Lieferschwierigkeiten abzupuffern.

Die Zuliefererindustrie fährt die gleiche Strategie: Peter Wagner von Continental: „Wir nutzen im Zuge unserer Supply-Chain-Strategie für den Pkw-Ersatzteilemarkt bereits verschiedene Bezugsquellen, um die Risiken soweit wie möglich zu minimieren. Auch wenn wir uns hier schon gleich zu Beginn der Pandemie auf unsere etablierten Standards zur Risikominimierung verlassen konnten, lässt sich doch sagen, dass unsere Supply-Chain-Spezialisten eine sehr herausfordernde Zeit erleben.“

Auslastung der Werkstätten weiterhin gut

Tröstlich ist für die auf dem Kfz-Reparaturmarkt tätigen Firmen aber immerhin, dass die Nachfrage der Kunden ungebrochen beziehungsweise vor dem Hintergrund der Lieferschwierigkeiten bei Neufahrzeugen sogar eher noch gestiegen ist. „Wir sind weiterhin konstant gut im Rennen. Ich kenne eigentlich keine Werkstatt, die über zu wenige Aufträge klagen würde. Das Gegenteil ist meist der Fall“, unterstreicht Wittich-Geschäftsführer Thorsten Rahn.

Und noch ein positiver Punkt: Das bevorstehende Winterreifengeschäft ist nach übereinstimmender Aussage der Befragten nicht gefährdet. Zumindest, was die reine Verfügbarkeit betrifft, kann Entwarnung gegeben werden. Die Läger sind gut gefüllt, insbesondere bei Produkten aus dem Premiumsegment drohen keine Lieferengpässe. Allerdings haben die Hersteller in den vergangenen Monaten offensichtlich massiv an der Preisschraube gedreht. Für den Teilehandel stellt sich darüber hinaus das Problem, dass er die Reifen häufig nicht mehr zu einem festen Preis kaufen kann. „Es gilt immer häufiger nicht der aktuelle Preis, sondern der Preis am Tag der Lieferung. Das ist sicherlich eine neue Herausforderung“, sagt Thorsten Rahn.

Ein Problem hat Werkstattpraktiker Thomas Rast abschließend vor allem damit, dass immer wieder Angst geschürt wird: „Ich denke, man sollte auch in der aktuellen Situation die Ruhe bewahren. Vielleicht ist jetzt mehr unternehmerischer Geist gefragt, aber die freien Kfz-Werkstätten waren schon immer sehr beweglich und flexibel. Das können wir jetzt wieder unter Beweis stellen.“

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