Foto: Peter Fuchs Photographer

Gebrauchtwagenhandel

Sicherheit im Schwarm?

Versteckte Mängel, Unfallschäden oder verdrehte Tachos – das GW-Geschäft hat nicht überall einen guten Ruf. Mit Blockchain bauen Start-ups ein digitales Netzwerk und schicken sich an, Vertrauen zurückzugewinnen.

Gebrauchtwagenkäufer erwerben immer auch ein Stück Geschichte – selbst wenn es sich beim erstandenen Gefährt nicht um einen Oldtimer handelt. Kenntnis der Fahrzeughistorie ist wertvoll: Heißt "unfallfrei" tatsächlich unfallfrei? Versteckte Schäden können im Gebrauchtwagengeschäft eine teure Angelegenheit werden – darauf wies der Verein Cardossier aus der Schweiz kürzlich hin. Ziel der Eidgenossen ist die Etablierung einer die Schweiz und Liechtenstein umfassenden Plattform für Fahrzeug-Lebensläufe, hieß es. Franziska Füglistaler, CEO von Cardossier, verspricht eine lückenlose, transparente und fälschungssichere Fahrzeughistorie und setzt dabei auf die Vorteile der Blockchain-Technologie – im Gegensatz übrigens zu den bekannten internationalen Lösungen Carpass, AutoCheck oder Carfax.

Laut Horváth & Partners kann insbesondere Blockchain für Transparenz sorgen, unabhängig von einer zentralen Instanz oder Behörde: "Die gesamte Fahrzeughistorie wird in einer digitalen Fahrzeugakte hinterlegt, wobei eine fälschungssichere Aufzeichnung der Fahrzeuginformationen das Vertrauen für Gebrauchtwagen-Käufer und -Verkäufer, Versicherungen und Werkstätten erhöht", erklärte Automotive-Experte Georg Mrusek von der Unternehmensberatung. Auch bei Lamborghini fühlt man sich den Kunden gegenüber entsprechend verpflichtet – bei Kaufpreisen von mehreren Hunderttausend Euro, auch im GW-Segment, nicht weiter verwunderlich. Die Sportwagenschmiede arbeitet einer Mitteilung von vergangenen Dezember zufolge mit Salesforce zusammen: Im Rahmen des Projekts "Sicura" wurde als Marketing-Coup ein künstlerisch aufgewerteter Aventador S mittels Blockchain-Technologie mit digitalem Echtheitszertifikat ausgestattet.

Warum Blockchain?

Die Funktionsweise einer Blockchain (dtsch. Blockkette) lässt sich am Lamborghini-Beispiel erläutern: Informationen zu Reparatur, Wartung aber auch Kilometerständen können zu digitalen Blöcken gruppiert und in sequentiellen Ketten in einem so genannten Hyperledger-Netzwerk gespeichert werden. Teilnahmeberechtigt sind prinzipiell alle Nutzer. Dabei basiert die Blockchain-Technologie auf den Prinzipien der Dezentralität (Distributed Shared Ledger) sowie Kryptographie (Verschlüsselung). Zusammengenommen erschweren dezentrale und gehashte Speicherung eine Fälschung erheblich. Ein Sicherungsmechanismus gleicht auf allen teilnehmenden Rechnern gespeicherte identische Datensätze ständig ab und schließt unrechtmäßig lokal geänderte Informationen aus. "Jedes gebrauchte Fahrzeug erhält ein unverändertes Serviceprotokoll für den Endkunden", hieß es in der Lamborghini-Mitteilung. Darin enthalten seien zudem detaillierte Informationen über Restaurierungsarbeiten sowie Vorbesitzer. Derzeit arbeiten Lamborghini und Salesforce an einer weltweiten Skalierung des Projektes Sicura.

Auch Cardossier schwört auf die Dezentralität: Dank der Blockchain-Technologie würden Daten eines Fahrzeugs nicht mehr an verschiedenen Orten und in unterschiedlichem Umfang gespeichert, sondern bei mehreren Marktteilnehmern in derselben Qualität und immer auf dem aktuellsten Stand. Die Veränderung eines Datensatzes ohne dafür autorisiert zu sein, sei auf dieser Basis nicht mehr möglich. DAT-Tochter auto-i-dat ag hat den Angaben zufolge so in einem ersten Schritt elf Millionen Datensätze auf eine mit dem Schweizer Softwareunternehmen AdNovum entwickelten Plattform geladen. "Wir sind stolz, allen Vereinsmitgliedern hochqualitative und zuverlässige Daten als Grundlage für alle künftigen Geschäftsaktivitäten zur Verfügung zu stellen", ließ sich Wolfgang Schinagl, CEO von auto-i-dat, zitieren. Die Daten sind vorerst nur für die Vereinsmitglieder zugänglich, eine Öffnung für Private ist im Verlaufe der nächsten Jahre geplant. Laut Franziska Füglistaler arbeitet auch Cardossier daran, Service- und Reparatureinträge in die Dossiers zu ermöglichen. Zwar operiert Cardossier derzeit nur in der Schweiz und Liechtenstein. Der Ingenieurin zufolge gilt es, zuerst im Nachbarland Fuß zu fassen. Doch auch andere Märkte habe der Verein im Blick. Neben Behörden und Verbänden engagieren sich große Teile der Schweizer Autobranche bei Cardossier: die großen Importeure und Servicenetze der Amag AG und Emil Frey zudem Versicherungen, der Schweizer Leasingverband und die GW-Börse Autoscout24. Zuletzt konnte mit dem Auto Gewerbe Verband Schweiz (AGVS) das eidgenössische Pendant zum ZDK an Bord genommen werden, erklärte Franziska Füglistaler gegenüber amz. Mit der eigenen Interessensvertretung an Bord ist die Chance groß, dass auch die wichtigen Servicebetriebe mitmachen.

Wider die Tachomanipulation

Im Gebrauchtwagengeschäft, in der Schweiz Occasionen genannt, sorgt ein verbreiteter Negativ-Dreiklang für schlechten Ruf: Waschen, aufhübschen und Tacho frisieren. Weil die Tachomanipulation kein Hexenwerk ist, aber die Branche neben ihrem Leumund auch Geld kostet, hat sich vor drei Jahren eine Kooperation aus Bosch, TÜV Rheinland und Schweizer Elite-Universitäten dem Thema angenommen. Wie 2017 auf der Bosch Connected World gezeigt, begegneten die Forscher Problemen der vorher erwähnten, herkömmlichen Lösungen (Carfax etc.) mit dem deutschen Datenschutz sowie der Tastsache, dass Daten zu selten Eingang in die Fahrzeughistorie (Werkstätten oder TÜV müssen "manuell" updaten) finden. Inzwischen wurde das Produkt augenscheinlich unter dem Markennamen "Caranty" zur Marktreife geführt und basiert auf einem OBD-Dongle. Dieser schickt die Kilometerstände und die GPS-Daten in regelmäßigen Abständen an ein Ethereum-Netzwerk. Beim Verkauf des Fahrzeugs können Nutzer via App kann ein Zertifikat des Kilometerstands vorweisen. Das System ist auf eine gewisse Verbreitung angewiesen – hier dürfte der so genannte Netzwerkeffekt zum Tragen kommen, um eine digitales Ökosystem zu etablieren. Schließlich benötigt auch der Käufer die Smartphone-App, um das Zertifikat zu prüfen. Zu den Vorteilen der Blockchain zählt laut Caranty auch, dass die eigene Lösung unabhängig von "Dritten" (Autohersteller, Behörde, Amt, Notar, TÜV etc.), funktioniert und daher kostengünstiger ist.

Auch der Verband der Markenvertragshändler (VMH e.V.,) kämpft einer aktuellen Meldung zufolge in Einklang mit dem europäischen Dachverband CECRA gegen die Kilometer-Manipulation an Fahrzeugen, setzt dabei offenbar aber auf ein zentrales Register zur Erfassung der Fahrzeugdaten in Deutschland. Bei jeder technischen Inspektion müsse der Fahrzeugkilometerstand erfasst und gespeichert werden, so die Forderung. "Das Zurückdrehen von Kilometerzählern ist weit verbreitet und hat nicht nur enorme Konsequenzen für den Verbraucher, sondern beeinflusst auch den Gebrauchtwagenmarkt erheblich", ist sich Mathias R. Albert, Vorsitzender der 2018 gegründeten Interessenvertretung, mit Caranty und Konsorten einig. Diese Praxis betreffe insbesondere den grenzüberschreitenden GW-Handel.

Digitales Scheckheft

Papier war gestern

Das Scheckheft aus Papier ist ein Auslaufmodell. Laut einer Erhebung des ADAC bieten alle deutschen Pkw-Marken bis auf Opel mittlerweile die digitale Form an. Auch die Hälfte der Importeure hat bereits umgestellt.

Foto: vege/Adobe Stock

Serviceheft

Voll vernetzt, voll betrogen?

Gebrauchte Autos werden oft über das Internet und innerhalb der EU ohne Zollbeschränkungen gehandelt. Was gut für den Verbraucher ist, öffnet Betrügern Tür und Tor, warnt der schwedische Autowerkstattverband (SFVF). Mit der Vollvernetzung könnte das noch schlimmer werden.

Foto: Bosch

E-Fahrzeuge

Zertifikate gegen den Zweifel

Wie gut ist die Batterie eines gebrauchten E-Autos? Die Antwort auf diese Frage bestimmt entscheidend den Fahrzeugpreis.

Foto: oneIDentity+

Teilegroßhandel

TecAlliance kämpft gegen Produktpiraterie

Produkt-Fälschungen gelten mitunter als Verbrechen ohne Opfer – auch in der Automobilindustrie. Häufig sind sich Verbraucher der mit gefälschten Kfz-Ersatzteilen verbundenen Risiken, etwa in der Verkehrssicherheit, nicht bewusst.