Foto: © BPW Bergische Achsen KG

Alternativer Antriebsstrang

Retrofit: Umrüstung auf Elektroantrieb

Konventioneller Antrieb raus, E-Maschine samt Akku rein: Anbieter wie BPW, E-trofit, Orten, Quantron, ZF oder Voith umwerben Kunden mit Elektro-Bausätzen.

Im kommenden Jahr tritt die so genannte "Clean Vehicles Directive" in Kraft. Mit der Verordnung will die EU die Anzahl von Bussen mit lokal emissionsfreiem Antrieb bei den ÖPNV-Gesellschaften erhöhen. Das Problem: Die Hersteller können mit der Nachfrage von Elektrobussen nicht Schritt halten. Alternative Ansätze sind also gefragt – auch außerhalb des Personentransports. Elektrifizierungsspezialisten treffen also auf einen hohen Bedarf. Während die Umrüstungsangebote von BPW Bergische Achsen und E-trofit bereits im Markt angekommen sind, zogen jüngst Quantron und eine Kooperation von Orten Electric und Zulieferer Voith nach.

Dieselantrieb raus, Elektromotor rein

Die Vorgehensweise ist ähnlich: Bei der nachträglichen Elektrifizierung (Retrofit) entfernen die Spezialisten den konventionellen Antriebsstrang u.a. bestehend aus Motor, Getriebe und Differentialachse. Seit 2018 arbeiten die Paul Nutzfahrzeuge GmbH aus Passau und die BPW Bergische Achsen KG bei der elektrischen Umrüstung kommunaler und kommerzieller Nutzfahrzeuge zusammen. Im Fokus der Kooperation stehen Modelle vom Typ Mercedes-Benz Vario, die mit der eAchse des Wiehler Nfz-Zulieferers ausgestattet werden. Das Fahrzeuggewicht steigt den Angaben zufolge durch den Umbau nicht, denn das Gewicht der Fahrzeugbatterien werde durch den Entfall von Motor, Getriebe und Abgasreinigung kompensiert, hieß es zur IAA Nutzfahrzeuge vor zwei Jahren.

E-trofit elektrisiert Busse

Ein Umrüstungsprogramm für Dieselbusse hält eine Partnerschaft von Intech und ZF Aftermarket bereit. Der Schweinfurter Zulieferer bringt die eigene elektrisch angetriebene Achse und das Servicenetz in die Kooperation ein. "Theoretisch können wir jeden Dieselbus der Welt umrüsten – gemäß unserer Geschäftsstrategie 2030 konzentrieren wir uns auf die Entwicklung und Verfügbarkeit unserer Retrofitting-Kits für die in Europa verbreitetsten Modelle", erklärte Robert Reisenauer, Chief Sales Officer des Joint-Ventures E-trofit GmbH. Laut Unternehmensinfo fokussieren sich die Ingostädter aktuell auf serienreife Elektrifizierungslösungen für den Mercedes-Benz Citaro C1 (628045) – das Kit für das in die Jahre gekommene Modell, das mit rund 1.000 Fahrzeugen in Europa immer noch weit verbreitet ist, liege bereits fertig entwickelt vor. Ab Juli 2021 will man das Umrüstkit für den Mercedes-Benz Citaro C1 Facelift 628083, von dem rund 7.500 Fahrzeuge auf Europas Straßen unterwegs sein sollen, vermarkten. Zudem im Fokus: Der Mercedes-Benz Citaro C2 ist laut E-trofit das Fahrzeug mit dem größten Potential für Verkehrsbetriebe und Fuhrparkbetreiber in der DACH-Region. Ab Oktober 2021 soll es Serien-Umrüstkits für den C2 628033, ab April 2022 für die Version C2 628035 geben. Das E-trofit Umrüstkit für das Modell MAN Lion City A21 soll ebenfalls ausentwickelt und verfügbar sein.

Das Ziel: E-trofit möchte innerhalb der nächsten zehn Jahre rund 8.000 Busse umrüsten.: "Im Jahr 2030 soll jeder zehnte neu zugelassene emissionsfreie Stadtbus ein mit E-trofit-Technologie elektrifiziertes Fahrzeug sein", so der O-Ton. Die Verkaufspreise für die Umrüstkits inklusive Umbau zur Elektrifizierung von Dieselbussen bewegen sich je nach Fahrzeugmodell und Anforderung an die Reichweiten in einer Preisspanne von etwa 300.000 Euro bis 360.000 Euro.

Orten kooperiert mit Voith

Im November gaben E-Truck-Hersteller Orten Electric-Trucks und Voith eine strategische Partnerschaft bekannt. Die Unternehmen wollen ebenfalls konventionelle Diesel-, Hybrid- und gasbetriebene Solo-, Doppeldecker- und Gelenkbusse umrüsten. Zudem stehen wie bei BPW/ Paul Nutzfahrzeuge leichte und mittelschwere Lkw im Fokus. Technische Basis stellt das Voith Electrical Drive System (VEDS) dar. "Dank der Elektrifizierung steht der Verkehr vor einem gewaltigen Wandel hin zu einem saubereren und nachhaltigeren Betrieb", erklärte Alexander Denk, Vice President E-Mobility bei Voith. Doch für viele Städte und Betreiber sei die Anschaffung neuer elektrisch betriebener Busse und Lkw ein zeit- und kostenintensiver Prozess. "Unsere Umrüstoption bietet einen einfachen und kostengünstigen Weg zu zukunftssicheren Fahrzeugflotten", fügte der Manager hinzu.

Das Voith Electrical Drive System besteht laut Ankündigung aus dem elektrischen IPMS-Motor (340 kW), einem wassergekühlten Umrichtersystem sowie dem Steuermodul DMU. Voith stellt den elektrische Antriebsstrang projektspezifisch bereit, während Orten die Fahrzeugintegration übernimmt und Batterie, Gateway sowie Hilfskomponenten aus dem eigenen Portfolio beisteuert, hieß es. Kunden haben laut Voith die Wahl, das VEDS als Retrofit-Kit zu beziehen und eigenständig einzubauen oder die Integration in den Orten-Partnerbetrieben durchführen zu lassen. "Mit dem global ausgerichteten Vertriebs- und Servicenetzwerk von Voith und der langjährigen Erfahrung von Orten Electric-Trucks in der Elektrifizierung von Nutzfahrzeugen bietet die strategische Partnerschaft zwischen beiden Unternehmen Betreibern ein umfassendes Angebot für die Umrüstung auf vollelektrische Antriebe", ließ Robert Orten, CEO Orten Electric-Trucks, wissen. Hintergrund: Orten Electric-Trucks Bernkastel-Kues und Wittlich rüstet mit seinem Partner EFAS Elektro-Fahrzeuge Stuttgart seit 2015 Nutzfahrzeuge aller Gewichtsklassen vom Dieselantrieb auf vollelektrische Antriebe um. Seit 2017 werden Eigenaussagen zufolge am Standort Wittlich in einer neuen Fertigungsstätte jährlich rund 100 Nutzfahrzeuge elektrifiziert.

Emissionsfreie Mobilität à la Quantron

Auch die Quantron AG rüstet Nutzfahrzeuge von Diesel- auf Elektromotoren um und hat dabei Kommunalwirtschaft und Straßenmeistereien im Visier. Der 2019 gegründete Umrüstungsspezialist ging aus der Haller GmbH & Co. KG hervor, einem Iveco- und Alltrucks-Partnerbetrieb aus der Nähe von Augsburg. Das Unternehmen bietet eigenem Bekunden zufolge auch Neufahrzeuge mit E-Antrieb an. Die Umrüstung soll rund drei Monate in Anspruch nehmen. Zum Portfolio der umrüstbaren Fahrzeuge gehören z. B. Abfallsammelfahrzeuge oder Straßenkehrmaschinen. Eine Markenpräferenz habe man nicht. Gründer und Vorstand der Quantron AG, Andreas Haller, erklärte: "Bei unserem Umrüstungsprozess behalten wir das vorhandene Fahrzeugchassis bei und ersetzen den Verbrenner-Antrieb durch einen E-Motor. Das bedeutet, wir ermöglichen nicht nur den Nutzfahrzeugeinsatz mit emissionsfreier E-Mobilitätstechnik, sondern verwerten letztendlich auch alle bereits vorhandenen Ressourcen in vollem Umfang komplett und nachhaltig." Die Quantron AG nimmt für sich in Anspruch, im Bereich Nfz-Service europaweit mit rund 700 Partnerwerkstätten zusammenzuarbeiten.

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