Image
marcus-haehner-globalone-01.jpeg
Foto: Global One Automotive
Marcus Hähner ist seit 2020 Geschäftsführer der internationalen Teilehandelskooperation Global One Automotive.

Interview mit Marcus Hähner

Qualität vor Quantität

Marcus Hähner steht seit Mitte 2020 an der Spitze von Global One Automotive. Im amz-Interview erzählt er von der neuen DNA beim Teilehandelsverbund sowie Herausforderungen für den freien Aftermarket IAM.

Bei der Global One Automotive (GOA) handelt es sich um eine junge internationale Handelskooperation. Und obgleich die Frankfurter mit WM und Europart Branchen-Schwergewichte in den eigenen Reihen zählen, war es bislang eher ruhig um die Gesellschaft. Das will der neue Geschäftsführer Marcus Hähner ändern und plant unter anderem eine Social-Media-Offensive. Der Maschinenbau-Ingenieur startete im Juli 2020 bei GOA und baute zuvor 15 Jahre lang für NTN/SNR in Deutschland, Österreich, Schweiz und Benelux den Automotive Aftermarket-Vertrieb auf und aus. Im Interview erzählt er von der neuen DNA beim Teilehandelsverbund sowie Herausforderungen für den freien Aftermarket IAM.

Sie waren lange Zeit in der Industrie tätig. Mit dem Teilehandel hatten Sie in den Verhandlungen zu tun. Was reizte Sie am Wechsel?

Wenn ich mir meine Vita anschaue, dann scheint es mir zu liegen, Neues zu gestalten bzw. aufzubauen. Mich hat es ausgesprochen gereizt, dies nach über 25 Jahren in der Industrie quasi 'auf der anderen Seite' ebenfalls umzusetzen. Hinzu kommt, dass ich in meiner neuen Aufgabe, mit meinem Team, als Intermediär wirken und damit für unsere Gesellschafter, aber auch für die Industriepartner den bestmöglichen Mehrwert generieren kann – und das auf der internationalen Ebene.

Inwiefern ist das Wissen, wie 'die andere Seite' tickt, von Vorteil?

Nun, es sollte dazu beitragen, das gegenseitige Verständnis zu optimieren und unnötige Animositäten abzubauen. Denn mittlerweile sollte jedem bewusst sein: Gegenüber der Automobilindustrie können wir als Vertreter des unabhängigen Marktes IAM nur gemeinsam erfolgreich sein – und dies in erster Linie mit den starken ersten Marken unseres Marktes. Das ist kein Lippenbekenntnis, sondern wird auch so umgesetzt und gelebt. Es ist eine meiner Prioritäten,  das, was zusammengehört noch intensiver zusammenzuführen.

Gegründet wurde Global One Automotive von der WM SE und dem kalifornischen Teilegroßhändler SSF Imported Auto Parts. Welche weiteren Gesellschafter stützen GOA derzeit?

Da gibt es sicherlich diverse nennenswerte GOA-Familienmitglieder, angefangen von Polens Nummer 2 AP Autopartner, über die GO Italy mit Cati, Demauto, AZ Group als zweitgrößtem Handelsverband des italienischen Marktes, bis zur spanisch-portugiesischen Kooperation Dipart. Hinzu kommen mit Embrepar einer der größten Autoteilehändler in Lateinamerika und dem Aushängeschild im Nkw-Bereich Europart, um hier nur einen kleinen Auszug zu geben. Heute haben wir 19 Gesellschafter in über 23 Ländern und einem Außenumsatz von 3,3 Milliarden Euro.

Welche Vorteile ergeben sich aus der Partnerschaft?

In Bezug auf unsere Gesellschafter entsteht der Mehrwert in dem Compliance-korrekten Austausch von Erfahrungswerten und daraus eventuell entstehenden neuen Ansätzen z.B. hinsichtlich Marktbearbeitung, Webinarangebot, Werkstattkonzepten und Zugang zu Industriepartnern bzw. Lieferanten, um lediglich ein paar Vorteile aus dem täglichen Geschäft zu nennen. Darüber hinaus ergeben sich aus der Gemeinschaft und hier insbesondere über die ITG [International Trading Group als Zusammenschluss von Handelsunternehmen, Anm. d. Verf.] die Mitarbeit bei politischen Themen, konzentrierter Zugang zu externen Lieferanten für Datenmanagement, Telematik, bis hin zu Werkstattbuchungssystemen. Also Dinge, die für ein einzelnes Unternehmen meist nur sehr schwierig, wenn überhaupt, abzubilden sind, die in der Partnerschaft hingegen leicht fallen.

Welche Philosophie steckt hinter der Bezeichnung "The Exclusive International Alliance", wie auf der Webseite zu lesen ist? Welche Voraussetzungen müssen etwa Großhändler erfüllen, um "aufgenommen zu werden"?

Ich bedanke mich für die Frage, da mir der Punkt persönlich sehr wichtig ist. Unser Motto lautet eindeutig 'Quality beats Quantity'. Wir sind demnach nicht auf der Suche nach schnellem Wachstum, um jedes Jahr höhere Außenumsätze zu vermelden. Nein, für uns ist es wichtig, dass ein neuer Gesellschafter zu unserer Struktur passt, einen Mehrwert für die Gemeinschaft, als auch für unsere Lieferanten generiert und zudem bestenfalls ein Familienunternehmen ist. Der vom einzelnen Kandidaten generierte Umsatz ist zwar eine Stellgröße, jedoch ist es für uns wichtiger, dass er bereits über einen guten Zugang zu den ersten Marken verfügt. Heute befinden sich 18 von 19 unserer Gesellschafter in Familienbesitz.

Warum hört und liest man so wenig von Ihrem internationalen Händlerverbund?

Die Global One Automotive hat den kleinen Nachteil der 'späten Geburt' und sich bisher maßgeblich um den Aufbau bemühen müssen. Dieser hat angesichts von 19 Gesellschaftern in der Kürze der Zeit bisher gut geklappt hat. Nun ist es an der Zeit, unserem Anspruch gerecht zu werden: Wir wollen realen Mehrwert für unsere Gesellschafter, den IAM sowie unsere Lieferanten abbilden und dabei auch wahrgenommen werden – national wie international. Wir haben seit meinem Start als Geschäftsführer im Juli 2020 Zeit und Geld in eine neue DNA fließen lassen, insbesondere im Hinblick auf Außendarstellung sowie interne und externe Kommunikation. Für Gesellschafter wie auch Industriepartner ist dies bereits erkennbar. Ab dem kommenden Monat präsentiert sich die GOA auch auf den sieben wichtigsten Social-Media-Kanälen und wird die Mitarbeit in diversen Gremien verstärken.

Hat die GOA direkten Kontakt zu Werkstätten oder bewegt sich das Unternehmen eher auf einer "Metaebene" und dient der gegenseitigen Abstimmung?

Es ist in der Tat so, dass wir im internationalen Kontext als ITG Sorge tragen, relevante Informationen insbesondere von unseren Lieferanten gebündelt an angeschlossene Werkstätten weiterzuleiten. Um dies zu koordinieren, verfügen wir über einen 'Garage Concept Council'. Selbstredend gehören zu dieser Aufgabe auch die Koordinierung und Realisierung von Webinaren und Seminaren, die beispielsweise unsere Lieferanten anbieten.

Ist die Beziehung der Shareholder geprägt von Kooperation oder eher Coopetition? Mit anderen Worten gibt es auch Wettbewerb in einzelnen Märkten?

Das eine schließt das andere nicht aus und führt demnach nicht zu einem desaströsen Wettbewerb. Ein gesunder Wettbewerb innerhalb einer Kooperation kann vielmehr zu einer Optimierung der gemeinsamen Marktlage führen. Letztendlich existiert der Wettbewerb nicht in Landesgrenzen, sondern er lebt insbesondere auch von grenzübergreifenden Geschäftstätigkeiten. Unsere Gesellschafter sehen dies fair und sportlich, frei nach dem Motto: 'Wer den besten Job macht, soll auch den Auftrag bekommen'. Umso wichtiger ist die eingangs angesprochene Tatsache, dass wir ausschließlich neue Gesellschafter hinzufügen werden, die mit unserer Philosophie in Einklang stehen.

Welche großen Herausforderungen treiben die GOA und den freien Aftermarket aktuell aus Ihrer Sicht um?

Wir als ITG, wir als Vertreter des Independet Aftermarket, sind verpflichtet, uns nicht in Grabenkämpfen aufzureiben, sondern unsere Energie in die Zukunft des IAM zu investieren. Wenn wir es heute nicht gemeinsam schaffen, den IAM fit für die digitale Zukunft zu machen und den OEM Paroli zu bieten – Stichwort 'Access to Data' und 'Right to Repair' –  dann brauchen wir auch unsere europäische Nachwuchs-Initiative 'Talents4IAM' nicht weiter voranzutreiben. Wenn die Perspektiven für eine sichere Zukunft des freien Marktes fehlen, dann ist auch kein hochqualifizierter Nachwuchs mehr notwendig.

Welche Ziele steckt sich die Allianz für 2021?

2021 wird für uns ein spannendes Jahr in Bezug auf die Umsetzung unserer neuen DNA sein. Das heißt, die bereits gestarteten bzw. geplanten Projekte, um die GOA sichtbarer zu machen, Mehrwert für unsere Lieferanten, den IAM und die Gesellschafter zu generieren, sowie politisch aktiv zu sein, werden sicherlich die Hauptthemen sein. Darüber hinaus ist ein Wachstum an Gesellschaftern natürlich nicht ausgeschlossen, da wir diverse Bewerbungen vorliegen haben. Aber wie bereits eingangs erwähnt, beherzigen wir eine 'Quality beats Quantity'-Strategie.

Herr Hähner, vielen Dank für das Gespräch!

TIPP: Sie interessieren sich für das Kfz-Gewerbe und den Autoteilehandel? Der amz.de-Newsletter informiert Sie aktuell über Entwicklungen und Hintergründe. Jetzt gleich anmelden!

Image
wm-se-zentrallager-02.jpeg
Foto: WM SE Die Global Automotive One GmbH  hat 19 Gesellschafter. In Deutschland sind dies die WM SE und…
Image
europart-werkstatt-katalog-03.jpeg
Foto: Europart …der Nfz-Spezialist Europart aus Hagen.
Foto: QIM

Unternehmensführung

Mach‘ den Qualitäts-Check!

Mit einer neuen Kampagne will die Initiative 'Qualität ist Mehrwert' Betreiber von Kfz-Werkstätten unterstützen. Neben einem umfassenden Qualitäts-Check gibt es wertvolle Anregungen und Tipps.

Foto: AAG

Interview

„Wir denken europaweit“

Die Unterstützung der Werkstattpartner geht heute über die bloße Teilelieferung hinaus. AAG-Germany-Chef Julius Fabian Roberg erklärt den eigenen Ansatz im amz-Interview.

Foto: GVA - Vorbau

Interview

"Es gibt keine Blaupause"

Michael Göhrum , Kfz-Teilegroßhändler aus Sindelfingen und 1. stellv. Vorsitzender im Gesamtverband Autoteile e.V. (GVA), äußert sich im amz-Interview zu den Auswirkungen der Corona-Krise.

Foto: ZF Aftermarket

Interview

"Gemeinsam schaffen wir das"

Helmut Ernst, Senior Vice President ZF Aftermarket, sieht in der Corona-Krise nicht nur Herausforderungen, sondern auch Chancen für die Zuliefererindustrie – wenn man diese sieht und ergreift.