Historie

Pneu im Wintermantel

Im Oktober 1959 präsentierte Pirelli auf der Automobilausstellung in Turin einen Reifen mit auswechselbarer Lauffläche.

Der ungewöhnliche Spezialreifen, den der italienische Hersteller Pirelli vor mehr als 60 Jahren auf dem Turiner Salon präsentierte, war gewissermaßen der Ganzjahresreifen der Frühzeit. Die Grundidee, den zweimaligen jährlichen Rädertausch zu ersparen, realisierte der Pirelli BS 3 – BS stand für Battistrada Separata, auf Deutsch: separates Profil – allerdings auf ungewöhnliche Weise. Bei ihm waren nämlich Karkasse und Lauffläche nicht wie üblich miteinander vulkanisiert, sondern er besaß nur eine aufblasbare nackte Karkasse.

Auf diese konnten drei umlaufende Profilringe in Längsrichtung aufgezogen werden, die dank passgenauer Aussparungen nach dem Aufpumpen auf den Solldruck bombenfest saßen. Der Clou dieser ungewöhnlichen Konstruktion: Bei Wintereinbruch ließen sich nach Reduzierung des Luftdrucks die drei Ringe mit Standardprofil von Hand abnehmen und durch Exemplare mit grobstolligem Winterprofil austauschen. Nach Wiederaufpumpen auf den Sollwert war der temporäre Winterreifen einsatzbereit.

Die Idee zum innovativen Pneu im Wintermantel hatte der Pirelli-Ingenieur Giuseppe Lugli gehabt, ein leidenschaftlicher Skifahrer, den das ständige Aufziehen von Schneeketten genervt hatte. Für die daraus entstandene Entwicklung eines Reifens mit auswechselbarer Lauffläche wurde einige Jahre später dem damaligen Technikchef Carlo Barassi ein Patent erteilt. Nach der Markteinführung des BS 3 errichtete Pirelli an der Nord-Süd-Autobahn Autostrada del Sole ein Netz von Werkstätten, in denen man die Profilringe wechseln lassen konnte. Seine Feuertaufe bestand der BS 3 1961 bei der Rallye Monte Carlo: Insgesamt 28 Teams hatten den Zwitterpneu montiert.

Der erste echte Winterreifen stammte allerdings nicht von Pirelli. Den hatte schon 1934 der finnische Wettbewerber Nokian auf den Markt gebracht, zunächst nur für Nutzfahrzeuge, zwei Jahre später dann auch für Personenwagen. Continental hatte erst seit 1963 mit dem M + S 14 einen Winterreifen im Programm. Mit modernen Winterreifen von heute hatten diese Matsch- und Schneereifen allerdings nicht viel mehr als den Namen gemeinsam. Außer verbesserter Traktion vor allem auf Neuschnee boten sie kaum Vorteile, erzeugten dafür auf trockener Straße dank ihres grob geschnitzten Stollenprofils einen Höllenlärm. Üblicherweise wurden nur zwei Winterreifen auf die Antriebsachse montiert, was für abenteuerliches Fahrverhalten sorgte. Der persönliche Schutzengel des Autors schob damals eine Menge Überstunden. Hans W. Mayer