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Velten Perlberg und Nadine Richter
Foto: Heil & Sohn
Velten Perlberg und Nadine Richter

Knappe Ersatzteile

Lieferdatum unbekannt

Die weltweite Ersatzteilversorgung ist ins Stocken geraten. Nadine Richter, Leiterin Category Management beim Hannoveraner Teilehändler Heil & Sohn, und Geschäftsführer Velten Perlberg erläutern im amz-Interview, wie sie mit der Situation umgehen.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Verfügbarkeits- bzw. Liefersituation für Kfz-Ersatz- und Verschleißteile?

Nadine Richter: Die Situation ist seit der Coronapandemie angespannter denn je. Es ist selten der Fall, dass komplette Produktgruppen nicht lieferfähig sind. Meistens betrifft es einzelne Referenzen, die dann aber über Monate nicht verfügbar sind. Diese Produkte werden oft ohne Vorankündigung nicht geliefert, sodass man stets das Controlling auf Referenzebene im Blick haben muss.

Bei welchen Produkten bzw. Produktgruppen ist die Liefersituation besonders schwierig? In welchen Bereichen gibt es keine Probleme?

Nadine Richter: Der Produktmix gibt keinen Aufschluss über die Liefersituation bzw. lassen sich daraus auch keine Ableitungen für andere Produktgruppen treffen. Lediglich der Bereich der Werkstattausrüstung im speziellen der Großgeräte wie Hebebühnen, Reifendienstgeräte, Diagnosetechnik etc. haben sehr lange Vorlaufzeiten, aber auch hier ist es von Lieferant zu Lieferant unterschiedlich. Der Nutzfahrzeugsektor oder die „Repacker“ stehen aber mit Sicherheit vor größeren Herausforderungen als der Hersteller von Autoglas oder demjenigen, der unabhängig der Vorlieferanten agieren kann. Es wird zunehmend deutlich, welcher Lieferantenpartner seine „Hausaufgaben“ gut erledigt hat und welcher weniger gut. Gleiche Produkte sind z.B. von Lieferant A nicht lieferbar, Lieferant B kann aber liefern.

Wie ist der zeitliche Horizont der Verzögerungen? Reden wir von Tagen, von Wochen, von Monaten?

Nadine Richter: Einen Zeitrahmen kann man nicht pauschalisieren, aber wir können sagen, dass wir bei Heil Kfz-Teile nicht unbedingt von Verzögerungen reden, wenn der Artikel zwei Wochen verspätet eintrifft. Unsere modernen IT-Systeme in der Disposition sind in der Lage, mit entsprechendem Vorlauf zu kalkulieren und uns darauf einzustellen und zu bevorraten und ggf. die Reichweiten anzupassen. Das passiert sowohl auf Artikelebene als auch auf Lieferantenebene. Im Verzug sind einige Artikel aber über mehrere Monate, häufig kann auch kein Lieferdatum genannt werden.

Welche Gründe nennen die Lieferanten / Zulieferer für die Lieferschwierigkeiten?

Nadine Richter: Die Gründe sind vielfältig. Produktionsschwierigkeiten der Vorlieferanten, Containerknappheit, Rohstoffmangel, Personalengpässe, Werksschließungen aufgrund der Coronapandemie oder aufgrund des Krieges in der Ukraine. Generell stellen wir fest, dass es vielen Industrieunternehmen zunehmend schwerer fällt, auf Veränderungen in der Lieferkette zeitnah zu reagieren.

Was kann man als Teilegroßhändler machen, um die Situation für die Werkstätten bzw. Autofahrer zu verbessern? Geht man auf die Suche nach alternativen Quellen bzw. Teilen?

Velten Perlberg: Der Handel muss auf Weitsicht fahren, man muss in der Lage sein, auf Artikelebene auf Lieferausfälle zu reagieren. Alternativen müssen vorgehalten oder auch schnell von anderen Quellen beschafft werden. Dazu kommt, dass man zur richtigen Zeit die richtige Menge bevorraten muss, eine Lageraufstockung ist unabdingbar. Im Handel übernehmen wir somit verstärkt auch Funktionen der Industrie und der Repacker und puffern somit weitere Lieferschwierigkeiten ab, damit unsere Kunden die Auswirkungen der Engpässe im besten Fall gar nicht zu spüren bekommen und weiterhin eine hohe Verfügbarkeit genießen können. Das erfordert ein tägliches Controlling und besonderes Engagement unserer Mitarbeiter.

Woran liegt es, dass bestimmte Reparaturen an Flottenfahrzeugen nicht oder nur mit erheblichen Zeitvorlauf durchgeführt werden können?

Velten Perlberg: Zum einen stehen die Lieferketten unter Druck, so dass bestimmte Komponenten gar nicht oder nur mit entsprechender Lieferzeit verfügbar sind. Zum anderen spielt auch der Fachkräftemangel eine große Rolle. Viele freie Stellen sind aktuell nicht zu besetzen.

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Das Zentrallager von Heil & Sohn in Sarstedt zwischen Hannover und Hildesheim. 
Foto: Heil & Sohn
Das Zentrallager von Heil & Sohn in Sarstedt zwischen Hannover und Hildesheim. 

Auch die Ersatzmobilität ist in einigen Werkstätten nicht mehr gewährleistet. Woran liegt das? Wie kann man dem begegnen?

Velten Perlberg: Es gibt eine starke Nachfrage im Gebrauchtwagenmarkt, die Verkaufsplätze unserer Kunden sind teilweise sehr schlecht gefüllt. In städtischen Gebieten setzen sich vermehrt auch alternative Lösungen der Ersatzmobilität wie z.B. E-Bikes durch, im ländlichen Bereich bleibt aber ein Problem. Auch durch den starken Preisanstieg und die schlechte Ersatzteilversorgung einiger Lieferanten oder der OES kommt es dazu, dass Fahrzeuge nicht mehr einsatzbereit sind und bei den Flottenbetreibern sogar zum Teil als „Organspender“ für die Instandsetzung anderer Fahrzeuge genutzt werden.

Was raten Sie Ihren Kunden, die stark im Flottengeschäft sind?

Velten Perlberg: Eine gute und vorausschauende Planung der Wartungen und Inspektionen ist wichtiger denn je. Wir unterstützen unsere Kunden dabei mit unseren modernen Systemen zur Teileidentifikation „mein Lager“ und den „HEIL Teilefinder NEXT“ sowie mit modernen Werkstatt-Management Systemen. Unser Team der Kundenentwicklung berät unsere Kunden dabei ganzheitlich in Hinblick auf die jeweils passenden Systeme und Schnittstellen. Hier ist in vielen Betrieben noch viel Potential vorhanden. Zudem sollten Werkstätten noch stärker in die Ausbildung investieren um auch zukünftig genügend qualifiziertes Personal im Betrieb zu haben. Die Berufe im Kfz-Handwerk sind attraktiv und zukunftsfähig. Das müssen wir in der gesamten Branche noch stärker herausstellen. Hier sind alle Unternehmen vom Handwerksbetrieb über den Großhandel bis hin zur Industrie gefordert. Auch hier können wir noch vieles besser machen, um junge Menschen für einen Berufseinstieg in unserer Branche zu begeistern. 

Wird sich die Situation auch auf das Winterreifengeschäft auswirken?

Velten Perlberg: Derzeit stellen wir noch keine signifikanten Versorgungsschwierigkeiten bei der Beschaffung von Reifen fest. Allerdings spiegelt sich in dem Absatz von Reifen die jährliche Kilometerleistung der Fahrzeuge wieder. Faktoren wie das 9 € Ticket für den ÖPNV, die Entwicklung der Kraftstoffpreise und die Nutzung von Home-Office Lösungen führen zu einem geringeren Verschleiß, vornehmlich auch bei den Reifen. Wir gehen davon aus, dass der Anteil der Ganzjahresreifen in unseren regionalen Märkten weiter steigen wird.

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