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Ganz ohne Fachmitarbeiter kommt auch eine automatische Komplettrad-Montageanlage nicht aus: Wie hier bei MAN in Dachau an der Auswucht-Station.
Foto: Martin Schachtner
Die automatische Komplettrad-Montageanlage von MAN in Dachau schafft im Schnitt 1.200 Lkw-Radsätze pro Tag.

Automatische Montage

Kompletträder: Alle auf Linie

Bei der Komplettrad-Montage setzen Händler und Fahrzeughersteller zunehmend auf Automatisierung. Wir haben uns Vorteile, Herausforderungen und Funktionsweise unterschiedlicher Montagestraßen angesehen.

Eine große silberne Metallvorrichtung stülpt sich in einer Industriehalle im Norden Münchens über ein liegendes, kurz zuvor montiertes Komplettrad. Nach etwa 30 Sekunden hebt sich eine der zwei sogenannten Befüllglocken wieder und lässt in einer aus Sicherheitsgründen abgetrennten Kammer der Montagestraße überflüssige kompressierte Luft als Dampf aufsteigen. Das entstehende Lkw-Komplettrad misst nach dieser Druckbefüllung über die Seitenwand rund neun Bar und gleitet weiter zur nächsten Station. Der Aufpumpvorgang via Ventil würde dagegen mehrere Minuten in Anspruch nehmen und gehörig bremsen, heißt es beim Besuch der Ende 2018 in Betrieb gegangenen automatischen Komplettrad-Montagestraße von MAN. Je nach Reifengröße fügen die Befüllglocken in einem redundanten System unterschiedliche Luftvolumina zu, wie Christoph Gillitzer erklärt. Nach den Worten des Leiters Logistics Solutions bei der MAN Truck & Bus SE beläuft sich der durchschnittliche Output auf rund 1.200 Kompletträder pro Tag.

Kunden kaufen Komplettpakete

Der Automatisierungsgrad schreitet nicht nur in der Fahrzeugindustrie voran. Auch der Reifenhandel rüstet sich: Bei der Interpneu Handelsgesellschaft mbH erfolgte der Aufbau einer entsprechenden Komplettrad-Montageanlage in den Sommermonaten 2022. Ausgangsort war das zwei Jahre zuvor bezogene, 32.000 Quadratmeter große Felgenlager in Karlsruhe. Abnehmer finden sich in der gesamten Kfz-Branche: So betrachtet das technische Personal das Reifenmontieren in vielen Speditionen und ÖPNV-Gesellschaften nicht mehr als Kernaufgabe.

Neben der individuellen Komplettradmontage für Fachhändler und Werkstätten beliefert beispielsweise die Bohnenkamp AG auch Fahrzeughersteller und Importeure. Das Handelshaus aus Osnabrück startete die eigene Montagestraße im März 2022. Da Bohnenkamp auch Unternehmen aus dem Bau- oder Agrarsektor zu den Kunden zählt, versteht sich die Anlage auf eine größere Bandbreite an Nutzfahrzeugrädern in Dimensionen zwischen 20 bis 54 Zoll – dadurch verlangsamt sich die Taktfrequenz: Die jährliche Fertigung beträgt laut Unternehmensangaben rund 70.000 Großräder über 20 Zoll. Zum Vergleich: Im Foyer des Logistikbereichs in Dachau stellt MAN das 500.000ste Komplettrad aus – gefertigt wurde es im Mai 2020, also bereits eineinhalb Jahre nach Start der Montagestraße.

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Die Montagelinie von Bohnenkamp in Osnabrück kann auch Übergrößen managen.
Foto: Bohnenkamp AG
Die Montagelinie von Bohnenkamp in Osnabrück kann auch Übergrößen managen.

Neben der Schnelligkeit spricht auch eine bessere Qualität für die Investition: Wolfgang Butsch zufolge lassen sich Abläufe durch die Investition effektiver strukturieren. „Das erlaubt uns, den Output bei steigender Nachfrage in der Saison hochzufahren und gleichzeitig perfekte Arbeit abzuliefern“, wie der Interpneu-Geschäftsführer im vergangenen Jahr zum Start der Montagestraße ausführte. Die Crux liegt in der Programmierung der Anlage.

Betreiber stehen hier mit Reifenherstellern in Austausch und holen sich optional Hilfe von Sachverständigen: Michael Immler stand MAN beispielsweise bei Planung, Aufbau und Hochfahren der Anlage beratend zur Seite. Zudem schult der Reifenexperte von der Handwerkskammer Schwaben regelmäßig die Mitarbeiter. Die zahlreichen, gelben Roboterarme der Anlage müssen schließlich wissen, mit welchem Pneu und welcher Felge sie es zu tun haben und welche Krafteinwirkung an den einzelnen Stationen gebraucht wird.

Der Aufwand sei zwar enorm gewesen, aber die Maschine kennt mittlerweile nahezu jede Reifengröße sowie -ausführung, weiß der öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für das Vulkaniseur- und Reifenmechaniker-Handwerk. „Die Anlage verfügt über Sicherheitsparameter, die eine Beschädigung der Reifen bzw. Räder verhindern“, so Immler. Ihm zufolge handelt es sich um einen reproduzierbaren, sicheren Prozess.

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Die Roboterhände in Signalfarbe mussten erst ein Gefühl für die verschiedenen Reifen und Räder entwickeln: Die Programmierung mit Sicherheitsparametern war eine wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Hochlauf der MAN-Montagelinie zwischen September und Dezember 2018.
Foto: Martin Schachtner
Die Roboterhände in Signalfarbe mussten erst ein Gefühl für die verschiedenen Reifen und Räder entwickeln: Die Programmierung mit Sicherheitsparametern war eine wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Hochlauf der MAN-Montagelinie zwischen September und Dezember 2018.

Permanente Prüfung

Auch in Karlsruhe fütterten die Techniker die Systeme der Montagestraße mit Angaben zu Rad-Reifenkombinationen und technischen Informationen: „Die Anlage stellt sich anhand der hinterlegten Stammdaten für Reifen und Räder automatisch auf die verschiedenen Aufziehprogramme ein, die bei erster Produktion von einem Fachwerker geprüft und gegebenenfalls angepasst werden“, erklärt Francisco Avila, Leiter Komplettrad Systemgeschäft bei Interpneu, gegenüber unserer Redaktion.

Zudem würden Plausibilitätsmessungen durchgeführt, um die Stammdaten fortwährend mit den tatsächlich festgestellten Werten abzugleichen und bei Abweichungen zu reagieren. Als wichtige reifenspezifische Informationen für die Montage gibt beispielsweise Michelin „die Steife des Wulstbereichs, die äußere Geometrie sowie die Belastbarkeit der Wulstmischung“ an. Darüber hinaus spielen die Reifendimension sowie gegebenenfalls die Innenkonstruktion eine Rolle, hieß es auf Anfrage.

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Die Ventilmontage bei Interpneu in Karlsruhe
Foto: Interpneu Handelsgesellschaft mbH
Die Ventilmontage bei Interpneu in Karlsruhe

Vor jeder „Hochzeit“ zwischen Reifen und Felge, wie das Überstülpen des Pneu über das Rad auch genannt wird, steht eine Identifizierung der schwarzen Rundlinge. Noch geschieht dies über ein Scannen der DOT-Nummer (so vorhanden). Diesen Einlesevorgang nehmen derzeit noch einzelne MAN-Mitarbeiter vor. Schneller und weniger fehleranfällig ginge es mittels RFID-Technologie. Nicht nur in München warten Anlagenbetreiber auf einen höheren Ausrüstungsgrad der Reifenhersteller mit RFID-Chips, wie es heißt.

Auch das leidige Thema Standardisierung spielt laut Francisco Avila von Interpneu, eine Rolle: „Beim Thema RFID müsste zunächst die Reifenindustrie die entsprechenden Daten nach Möglichkeit in einem einheitlichen Format zur Verfügung stellen.“ Ein Einwand, den zumindest Michelin nicht gelten lässt: Von der eigenen Produktion seien 99 Prozent der neuen Lkw-Reifen mit RFID-Chips ausgestattet. Zu den gefunkten Informationen gehören laut Hersteller unter anderem eine Herstellerkennung, die CAI sowie eine eindeutige Identifikationsnummer für die Karkasse.

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Sven Banhagel (Projektmanagement bei MAN Logistics Solutions) , Michael Immler und Christoph Gillitzer (im Bild von links) haben  nach dem Auszug des MAN-Teilelagers eine automatische Komplettrad-Montagelinie etabliert.
Foto: Martin Schachtner
Sven Banhagel (Projektmanagement bei MAN Logistics Solutions) , Michael Immler und Christoph Gillitzer (im Bild von links) haben  nach dem Auszug des MAN-Teilelagers eine automatische Komplettrad-Montagelinie etabliert.
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