Foto: Pinnow-Locnikar

amz vor Ort

In der Ruhe liegt die Kraft

Kann eine Werkstatt besonders sein, auch wenn sie ‚nur‘ Autos repariert? Die Lebenshilfe Kfz-Werkstatt in Wuppertal kann.

Die Kfz-Werkstatt der Lebenshilfe liegt im Wuppertaler Stadtteil Ronsdorf. Wenngleich ein repariertes Auto gewiss eine nicht zu unterschätzende Lebenshilfe ist, so bezieht sich der Name des eingetragenen Vereins jedoch auf die Hilfe für die ihm anvertrauten Menschen, die ihr Leben mit einer geistigen Behinderung bewältigen. Eine wesentliche Aufgabe besteht darin, junge Erwachsene an den ersten Arbeitsmarkt heranzuführen. Genau das passiert in der Kfz-Werkstatt der Lebenshilfe.

Der technische Leiter Uwe Meyer betont, dass dabei das wertschätzende Miteinander unabdingbar ist: „Wir beschäftigen hier Menschen mit geistiger Behinderung, aber das Wort vermeiden wir, weil es einen negativen Touch hat. Für uns sind die Mitarbeiter mit Behinderung eben einfach die Mitarbeiter, und die Mitarbeiter ohne Behinderung und mit einer Fachausbildung, das sind die Fachkräfte.“ Neben Kfz-Meister Michael Mettelsiefen arbeiten drei Kfz-Gesellen als Fachkräfte in der Werkstatt. Das Team komplettieren zurzeit drei weitere Mitarbeiter.

Aktive Förderung

Die Aufgaben in der Werkstatt erschöpfen sich entsprechend nicht nur in der fachgerechten Reparatur von Fahrzeugen, erklärt Meyer: „Wir geben den Mitarbeitern hier eine Tagesstruktur, begleiten sie und fördern sie aktiv. Die Begleitung kann auch so weit gehen, dass die Menschen bei uns leben. Dafür haben wir auch Wohnstätten. Das ist sozusagen die All-in-Variante. Die das in Anspruch nehmen, wohnen auch gern in der Nähe der Werkstatt und ziehen es vor, mit anderen zusammenzuwohnen, die eine ähnliche Problematik haben, wobei wir aber eine zu starke Inselbildung vermeiden wollen.“

Im Alltag gibt es nicht nur Probleme, die unmittelbar mit der Behinderung zusammenhängen, sondern auch mal mit den ganz gewöhnlichen Sorgen und Nöten junger Menschen. Mettelsiefen hat ein gutes Gespür für die inneren Befindlichkeiten seiner Mitarbeiter: „Wir merken das, wenn was im Busch ist. Dann fragen wir schon mal nach, was los ist, und sagen auch mal ‚Komm her, ich bring dich nach Hause und unterwegs schnacken wir mal‘. Bei so einem Gespräch während der Fahrt bekomme ich mehr heraus als hier in der Werkstatt.“

Ziel: Qualifizierung

Warum ausgerechnet Kfz-Werkstatt? „Das ist in der Tat etwas außergewöhnlich“, bestätigt Uwe Meyer. „Wir bemühen uns, Bereiche zu haben, die einen Brückenkopf bilden können in den ersten Arbeitsmarkt. Und das hier ist sehr, sehr nah dran. Aber trotzdem will nicht jeder unbedingt zu uns, weil das immer noch einen Makel hat.“ Meyer erzählt von einem Mitarbeiter, der sich selbst nicht als Behinderter sehen möchte und sich darum auch mit der Identifikation als Mitarbeiter der Werkstatt schwertut, entsprechend auch nicht mit Name und Foto in der amz erscheinen möchte. Meyer hat Verständnis dafür: „Ich kann das nachvollziehen, wobei wir aber inzwischen auch von den Qualifizierungen her ganz anders aufgestellt sind als noch vor zwanzig, dreißig Jahren.“

Das sei hier keine Behindertenwerkstatt, macht Meyer klar, sondern eben eine richtige Kfz-Werkstatt. „Das ist ganz wichtig.“ Allerdings hat das auch Nachteile: Normalerweise käme in einer Behindertenwerkstatt auf zwölf Mitarbeiter eine fachliche Betreuungskraft – mit entsprechenden Fördersummen. Da der Betreuungsschlüssel in der Autowerkstatt der Lebenshilfe deutlich besser ist und in Relation weniger Mitarbeiter betreut werden, muss man mit weniger Fördergeldern auskommen. „Entsprechend müssen die zusätzlichen Fachkräfte hier auch ordentlich Geld erwirtschaften, um die Werkstatt am Leben zu erhalten.“ Tragen muss sich der Betrieb nämlich selbst. Die Löhne orientieren sich am Tarif, für die Mitarbeiter etwas höher, für das Führungspersonal etwas niedriger. „Aber ich habe mir das ja freiwillig ausgesucht“, lacht Mettelsiefen, „ich bin ja nicht ohne Grund seit 27 Jahren in dem Laden.“ Mettelsiefen und Meyer behalten die Kosten und Einnahmen im Blick und kommunizieren die betriebswirtschaftliche Situation regelmäßig in die Belegschaft.

Gute Handarbeit!

Kommunizieren, das ist in der Werkstatt täglich ein Thema – und nicht immer wird dabei gesprochen. Denn der Mitarbeiter Marwin Bretz ist taubstumm. Für die Verständigung bei der täglichen Arbeit haben die Beschäftigten die Gebärdensprache gelernt. „Das haben wir uns hier in unserer Freizeit draufgeschafft“, erinnert sich Mettelsiefen. An der Wand des Aufenthaltsraums hängt eine Liste mit den Wörtern und Phrasen, die die Fachkräfte lernen mussten, um mit Marwin Bretz zu interagieren.

Bretz macht hauptsächlich Fahrzeugaufbereitung und Innenreinigung. „Marwin macht die Autos so schön sauber, als würden die direkt neu aus dem Laden kommen“, schwärmt Kfz-Geselle Stefan Schürmann. Die Kunden kämen teilweise allein dafür, dass Bretz ihnen das Auto sauber macht.

Begleitet wurde die Integration von einem speziellen Fachdienst der Lebenshilfe, aber „ohne die Bereitschaft der Kollegen hätte es nicht funktioniert“, bekräftigt Uwe Meyer.

Dieser Erfolg ist eines der vielen Beispiele, die Uwe Meyer und Michael Mettelsiefen in ihrer Arbeit bestätigen. „Deshalb hat diese Kfz-Werkstatt ihre Daseinsberechtigung“, fasst es Meyer zusammen, „nicht weil wir glauben, dass wir die tollsten Schrauber sind oder alle hier nur auf unsere Werkstatt gewartet haben – wobei das mittlerweile sicherlich so ist – aber der erste Grund ist, Menschen mit Behinderung eine Möglichkeit zu geben, in einem Bereich zu arbeiten, der sie für den ersten Arbeitsmarkt qualifiziert.“

Was muss, das muss – nicht mehr

Bei ihren Kunden ist die Werkstatt wegen ihrer ehrlichen und mitunter unkonventionellen, aber handwerklich guten Arbeit beliebt. „Die Kunden wissen, dass wir wirklich nur das reparieren, was auch repariert werden muss“, betont Mettelsiefen. Für die mitunter schon etwas älteren Kundenfahrzeuge müssen Reparaturen auch zeitwertgerecht sein. „Wir machen bei der Inspektion nicht alles Mögliche, nur weil es so im Serviceheft steht. Warum steht da bei BMW, dass die Zündkerzen alle vier Jahre gewechselt werden müssen? Haben die ein Verfallsdatum? Habe ich noch nie was von gehört“, meint Mettelsiefen. „Wenn der Kunde damit seit dem letzten Wechsel nur 4.000 Kilometer gefahren ist, dann bleiben die drin. Und mit dem neuen Motoröl warten wir dann ebenfalls. Das hat sich rumgesprochen, glaube ich, dass wir den Kunden hier nichts andrehen, was sie nicht brauchen.“ Dafür genießt die Werkstatt das volle Vertrauen der Kundschaft. „Wenn wir sagen, dass da jetzt was sofort gemacht werden muss, dann – bamm – steht das Auto da. Dann fahren die damit auch nicht wieder vom Hof.“ Vielen Kunden gehe es aber nicht nur um gute handwerkliche Arbeit, sondern auch um die Unterstützung in der Sache. „Ein älterer Kunde hat uns sein Auto vermacht, als er sich nicht mehr zu fahren traute, damit die Mitarbeiter daran arbeiten konnten“, erinnert sich Meyer nicht ohne Stolz. Eine Kundin habe ihnen Geld gespendet, um spezielles Werkzeug für die Mitarbeiter anzuschaffen.

Die Lebenshilfe-Werkstatt war zunächst auch in der „Nachbarschaft“, also bei den konkurrierenden Werkstattbetrieben, ein Thema, erzählt Meyer. Die Konkurrenz habe sich benachteiligt gefühlt: „Ihr habt ja steuerliche Vorteile, hieß es da. Ich habe dazu nur gesagt: ‚Wir geben euch gern mal welche von unseren Leuten ab, dann können wir ja gucken, ob es euch dann damit besser geht‘. Aber die stellen unsere Mitarbeiter nicht ein, das ist ja der Punkt. Wir geben uns hier sehr viel Mühe, unsere Leute dann bei anderen Firmen unterzubringen.“ Dafür bietet die Lebenshilfe ihren Mitarbeitern auch weitere Qualifikationsmöglichkeiten, etwa den Erwerb von Stapler- oder E-Ameise-Schein.

Gratwanderung

Neben den Fahrzeugen einer treuen Kundschaft versorgt die Werkstatt auch die Sprinter und Transporter der Lebenshilfe, mit denen Behinderte von A nach B chauffiert werden. Vom Service her hat man sich breit aufgestellt. So gibt es ein Reifenlager für die Reifensätze der Kunden. Noch recht neu ist das Angebot, Wohnwagen zu reparieren und aufzubereiten, eine Spezialität des Kfz-Gesellen Sebastian Tessmann.

Ansonsten versucht man, trotzt begrenzter Mittel auf der Höhe der technischen Anforderungen zu bleiben, etwa was die Ausstattung mit aktuellen Diagnosegeräten angeht. Aber Sonderkonditionen bekommt man von den Herstellern nicht: „Dafür müssen wir genauso bezahlen wie alle anderen“, unterstreicht Mettelsiefen.

Und so wird die Arbeit der Lebenshilfe-Kfz-Werkstatt auch in den kommenden Jahren eine finanzielle Gratwanderung bleiben. Aber in der Ruhe liegt die Kraft.

Lebenshilfe Wuppertal Kfz-Werkstatt

Zandershöfe 13, 42369 Wuppertal

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