Foto: ZF Aftermarket

Interview

"Gemeinsam schaffen wir das"

Helmut Ernst, Senior Vice President ZF Aftermarket, sieht in der Corona-Krise nicht nur Herausforderungen, sondern auch Chancen für die Zuliefererindustrie – wenn man diese sieht und ergreift.

Beschreiben Sie bitte die Auswirkungen der Corona-Krise auf Ihr Unternehmen.

Helmut Ernst: Im OE-Bereich (Lieferungen an Fahrzeughersteller) folgen wir unseren Kunden. So lange die Werke der Fahrzeughersteller geschlossen sind, ruhen auch unsere Produktionsstandorte. Nur die Produktionslinien, die Ersatzteile für OES und IAM herstellen, sind im Rahmen der nachgefragten Bedarfe in Betrieb. Wir müssen kurzfristig höchst flexibel und mit strikter Kostendisziplin agieren, doch es wird auch eine Zeit nach der Krise geben. Wir sehen positiv in die Zukunft und werden auch weiterhin den Aftermarket der Zukunft entscheidend mitgestalten.

Wie halten Sie als internationaler Konzern die Geschäftstätigkeit aufrecht?

Helmut Ernst: Seit dem ersten Ausbruch des Virus in China haben wir Task Forces gebildet, um mit dieser völlig neuen Situation umzugehen: Wie fahren wir die Produktion geordnet herunter, wie können wir trotzdem die Lieferketten sicherstellen – und vor allem: Wie schützen wir unsere Mitarbeiter, wenn sie (wieder) an ihre Arbeitsplätze kommen?

Inwieweit wurde die Produktion gestoppt bzw. heruntergefahren?

Helmut Ernst: Zahlreiche Werke in Europa sowie Nord- und Südamerika sind geschlossen, punktuell bereiten wir wieder den Hochlauf vor. Wie sich auch das Virus unterschiedlich verbreitet hat, so ist auch die Situation in unserem weltweiten Produktionsnetzwerk ganz verschieden. China ist wegen der fortschreitenden Erholung dort ein Lichtblick. In unseren rund 40 Werken wird wieder produziert, zwar noch nicht mit voller Kraft, aber insgesamt haben wir nahezu die reguläre Auslastung unserer Werke wieder erreicht. Hier hilft die globale Aufstellung.

Wie wirken sich die Produktionsausfälle auf Ihre Lieferfähigkeit im Aftermarket aus?

Helmut Ernst: Auch in diesen schwierigen Zeiten sind wir ein zuverlässiger Partner für unsere Kunden. Dies wird durch das außerordentliche Engagement und den Einsatz des gesamten ZF-Teams ermöglicht In den letzten Wochen haben wir die Situation vor Ort und unserer Werke sorgfältig beobachtet und die notwendigen Vorkehrungen zur Sicherung unserer Lieferfähigkeit getroffen. So werden beispielsweise Werke in Europa, die zur Serienbelieferung geschlossen sind, bei Bedarf an einem Tag der Woche in Betrieb genommen, um Ersatzteile zu fertigen. Das betrifft speziell Kupplungen, Stoßdämpfer, Fahrwerkteile, Bremsbeläge usw. Damit können wir auch in den kommenden Wochen und Monaten flexibel auf die Nachfrage reagieren und lieferfähig bleiben.

Wie hat sich die Nachfrage der Aftermarket-Kunden verändert?

Helmut Ernst: In den meisten Ländern wird der Reparaturmarkt und damit die Arbeit der Werkstätten als systemrelevant angesehen. Wir konnten eine nur unwesentlich geringere Nachfrage feststellen – da wir stets lieferfähig waren bzw. sind. Wir sind überzeugt, dass die hohe Flexibilität der Freien Werkstätten und ihre breite, kundenorientierte Aufstellung Garant dafür sind, dass die Betriebe gut durch die Krise kommen. Sie können auf loyale Kunden, Mitarbeiter und Industriepartner bauen. Aktuell entwickeln wir zudem Online-Trainings für die Werkstätten, so dass die Zeit sinnvoll für die Weiterbildung genutzt werden kann. Gemeinsam schaffen wir das.

Gibt bzw. gab es Engpässe bei der Materialbeschaffung für die Produktion?

Helmut Ernst: Wir können unsere Lieferketten stabil halten, da wir ein bewährtes Risikomanagement mit striktem Monitoring haben. Dazu zählt, auch auf alternative Lieferanten zurückgreifen zu können und – wenn nötig – Lieferanten im Bedarfsfall zu unterstützen. Der Warenfluss über Grenzen ist zwar erschwert, funktioniert aber noch.

Wie sieht der Plan aus, die Produktion wieder hochzufahren, sobald dies möglich ist?

Helmut Ernst: ZF bereitet sich schon seit längerem darauf vor, wie wir die Produktion wieder hochfahren können. Die Erfahrungen aus China, wo die meisten unserer Werke nach dem Stopp bereits wieder mit nahezu voller Kapazität arbeiten, waren hier sehr hilfreich. Wichtig ist, dass wir flexibel sind und bei Wiederaufnahme der Produktion durch unsere Kunden unmittelbar wieder liefern können – und dass wir unsere Mitarbeiter bestmöglich vor Ansteckung schützen. Es wird ein schrittweises Hochfahren sein, dessen Dauer auch davon abhängt, wie sich die Nachfrage entwickelt.

Welche Schutzmaßnahmen braucht es, um die Produktion wieder hochzufahren?

Helmut Ernst: Die Gesundheit unserer der Mitarbeiter hat oberste Priorität. Unsere Schutzmaßnahmen sind auf einem sehr hohen Niveau. Über eine Kampagne haben wir unsere Mitarbeiter aktiv über Schutzmaßnahmen informiert. Wir orientieren uns dabei an den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation sowie des Robert-Koch-Instituts und aktualisieren die Mitarbeiter-Informationen laufend. Wir werden in jedem Fall Schichten entzerren, zwischen einzelnen Arbeitsplätzen Trennwände montieren, Spender für Desinfektionsmittel aufstellen; teils auch mit Masken arbeiten müssen etc. – all das wird uns für längere Zeit begleiten.

Können Sie den Umfang des Schadens beziffern, der durch die Krise entstanden ist?

Helmut Ernst: Die Corona-Pandemie hat quasi über Nacht die Welt aus den Fugen gehoben. Wie groß der wirtschaftliche Schaden sein wird und wie stark er auf Umsatz, Ergebnis und Cashflow drückt, ist momentan nicht vorauszusagen. Aktuell fahren wir auf Sicht, daher ist eine verlässliche Prognose nicht möglich.

Was kann man als Unternehmen aus der aktuellen Situation lernen?

Helmut Ernst: Aus der verstärkten Nutzung digitaler Tools für die Zusammenarbeit – Stichwort Homeoffice – wird sicher eine geänderte Meeting- und Dienstreise-Kultur erwachsen. Videokonferenzen werden wir ebenfalls stärker als bisher nutzen. Die zusätzlichen Entscheidungskompetenzen, die wir in die Regionen gegeben haben, um auf die unterschiedlichen Gegebenheiten schnell und angepasst zu reagieren, werden wir nach Corona nicht wieder zurücknehmen. Grundsätzlich gilt: Jede Krise bietet nicht nur Herausforderungen, sondern auch Chancen, wenn man diese sieht und ergreift. Dieses bei ZF Aftermarket schon immer vorhandene positive Denken, dieser Team Spirit hat sich in dieser schwierigen Situation einmal mehr bewährt.