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Kfz-Versicherung

Freie Entscheidung des Autofahrers

Die Kfz-Versicherer haben zwei Hauptrezepte zur Senkung ihrer Kosten: neben der Schadensteuerung setzen sie zunehmend auf die Möglichkeiten der Telematik.

Früher war sicher nicht alles besser, aber vieles anders. So gab es vor vielen Jahren zum Beispiel für die Haftpflichtversicherung von Pkw eine einfache, nach kW/PS-Leistung gestaffelte Klasseneinteilung, die für alle Versicherungen gleich war. Mit steigender Motorleistung erhöhte sich die Prämie, weil für leistungsstarke und schnelle Fahrzeuge ein höheres Unfallrisiko unterstellt wurde.

Dieses einsichtige Solidaritätsprinzip wurde in den vergangenen Jahren zunehmend aufgeweicht, weil die Versicherer ständig neue Tarifmerkmale ersannen, die angeblich für mehr Einzelfallgerechtigkeit sorgen sollten. Das begann mit der Einführung des Schadenfreiheitsrabatts, ging weiter mit unterschiedlichen Typklassen und Regionalklassen in Haftpflicht- und Kaskoversicherung und gipfelte schließlich in der pauschalen Diskriminierung ganz junger ebenso wie ganz alter Versicherungsnehmer durch extrem hohe Prämien. Das mag zwar statistisch stimmen, erzeugt aber im Einzelfall beträchtlichen Unmut, wenn beispielsweise ein Rentnerpaar seit Jahrzehnten unfallfrei unterwegs war, aber trotzdem mit deftig steigenden Prämien bestraft wird.

Um sich durch günstige Prämien Wettbewerbsvorteile zu verschaffen, nutzen Versicherer vor allem zwei Möglichkeiten: a) Kostensenkung in der Schaden-regulierung und b) Reduzierung des Unfallrisikos bei den eigenen Kunden. Der deutsche Marktführer, die HUK Coburg-Versicherungsgruppe, zum Beispiel nutzt beide Möglichkeiten intensiv und bietet Haftpflicht- und Kaskoversicherung deutlich günstiger als fast alle Wettbewerber an. Um die Kosten für selbst verursachte Schäden zu reduzieren, muss sich der Kunde allerdings verpflichten, die Reparatur ausschließlich in einer vom Versicherer bestimmten Werkstatt durchführen zu lassen.

Fluch und Segen

Diese Werkstattbindung stößt in der Branche keineswegs immer auf Gegenliebe: „Die Kooperation mit Versicherern gilt oftmals als Fluch und Segen zugleich“, so die Aussage des von Standox initiierten Werkstatt-netzwerks Repanet (amz 05/2019). Diese Einschätzung teilt auch der Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik (ZKF) in Friedberg: „Um eine gewisse Grundauslastung zu erreichen, kann die Kooperation mit einem Schadensteuerer durchaus eine interessante Ergänzung für einen Betrieb sein“, sagt ZKF-Hauptgeschäftsführer Thomas Aukamm. „Der Trend zur Schadensteuerung wird sich nach unserer Überzeugung weiter verstärken. Die Auswirkungen auf Karosserie- und Lackierbetriebe sind bereits sichtbar. Etliche von ihnen haben sich die Umsatzversprechen der Versicherer mit deutlichen Preiszugeständnissen und geringerer Rendite erkauft.“

Gute Chancen zur Verbesserung ihrer Schadensbilanz sehen manche Versicherer darüber hinaus in der Einführung von Telematik-Tarifen, wie sie zum Beispiel die HUK Coburg schon seit Oktober 2016 vor allem für Fahranfänger anbietet. Aus der digitalisierten Erfassung individueller Risikomerkmale resultiert für die Versicherung eine risikoangemessene Preisfindung: Neben möglichen Vergünstigungen für defensives Fahren in Form von Rabatten oder Rückerstattungen sind beispielsweise auch Preisaufschläge für einen riskanten Fahrstil oder Zuschläge für Nachtfahrten denkbar. Daraus könnten sich mittelfristig positive Veränderungen des Fahrverhaltens ergeben, die zu weniger Unfällen führen.

Sensor an der Scheibe

Wie dieser digitale Schritt in der individuellen Risikobewertung in der Praxis funktioniert, erläutert Dr. Jörg Rheinländer, Vorstandsmitglied der HUK Coburg: „Kunden, die eine Telematik-Police wünschen, erhalten einen kleinen Sensor, den sie an die Frontscheibe ihres Autos kleben. Der Sensor ist mit einer auf dem Handy des Kunden installierten App gekoppelt und registriert Daten zur Fahrweise, beispielsweise Geschwindigkeit, Brems- und Beschleunigungs-vorgänge. Für jede Fahrt bekommt der Fahrer von seinem Handy ein Feedback und kann so sein Fahrverhalten rekapitulieren.“ Rund 200 000 Kunden haben sich nach Rheinländers Angaben bereits für eine Telematik-Police entschieden und können damit bis zu 30 Prozent der Prämie sparen. Auch gebe es bereits erste Indizien dafür, dass Telematik-Kunden weniger häufig in Unfälle verwickelt sind.

Und wie sieht es mit dem Datenschutz aus? Verbraucherschützer Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur von ‚Finanztip‘, sieht kein Problem in der individuellen Risikobewertung: „Entscheidend ist, dass der Kunde den Zweck der digitalen Überwachung nachvollziehen und akzeptieren kann. Er weiß ja, dass beispielsweise zu schnelles Fahren seine Prämie verteuern kann. Das Risiko beim Autofahren besteht nicht nur darin, das eigene Fahrzeug eventuell zu beschädigen, sondern dass auch fremde Personen geschädigt, verletzt oder sogar getötet werden können.“

Auch Sven Hermerschmidt, Referatsleiter beim Bundesbeauftragten für Datenschutz, hat gegen datenschutzgerecht praktizierte Telematik keine Einwände. Voraussetzung sei, dass der Versicherungsnehmer sich für oder gegen solche Tarife frei entscheiden könne und wisse, zu welchem Zweck seine Fahrdaten erhoben würden. Nur Freiwilligkeit, Transparenz und Daten-sicherheit könnte das notwendige Vertrauen erzeugen. Wesentliche Voraussetzung für die Akzeptanz der Telematik sei die enge Zweckbindung der erhobenen Daten auch gegenüber staatlichen Interessen.

Hans W. Mayer