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Foto: Fernride

Flottenmanagement

Fernride: Fernsteuerung für Lkw

Der Lkw-Fahrermangel ist nicht erst seit Corona ein Problem. Ein Münchner Start-up hat eine mögliche Lösung entwickelt.  

Lkw-Fahrer werden nicht nur in Deutschland verzweifelt gesucht. Der Bedarf an Truckern dürfte auch in den kommenden Jahren stark steigen, Nachwuchs jedoch gibt es kaum. Ein Start-up aus München will das Problem nun mit semi-autonomen Lkw und einer Art Fernsteuerung lösen. Und so den zunehmend unattraktiven Job auf dem Bock an den Schreibtisch verlegen.  

„Flottenmanager“ nennt Hendrik Kramer den Beruf, der irgendwann einmal den des professionellen Kraftfahrers ersetzen könnte. Der 26-jährige Wirtschaftsingenieur hat vor rund zwei Jahren gemeinsam mit seinen beiden Kommilitonen Jean-Michael Georg und Maximilian Fisser an der TU München das Start-up Fernride gegründet. Ein leicht denglisch angehauchter Name irgendwo zwischen Fernfahrer und Fernsteuerung, der aber letztlich ausdrückt, worum es geht: um das Lkw-Fahren aus der Distanz. Gelenkt wird nicht mehr direkt am Volant in der Kabine, sondern vom Computer aus. Und auch nicht nur ein Lkw, sondern bis zu 50 auf einmal.  

Den Hauptteil der fahrerischen Arbeit übernimmt aber nicht der menschliche Teleoperateur, sondern die Maschine selbst. Sie findet ihren Weg per Kamera und Radar, lenkt, bremst und beschleunigt dabei selbst. Ein Eingriff ist nur in Ausnahmesituationen nötig. Etwa, wenn ein unerwartetes Hindernis auftaucht oder einer der Sensoren ausfällt. In solchen Momenten schaltet sich dann der menschliche Fahrer ins Cockpit ein, beurteilt die Situation über Kamerabilder und lenkt den Truck wieder auf sichere Bahnen.  

Auf öffentlichen Straßen ist das Fernride-System allerdings noch nicht im Einsatz. Aktuell läuft ein Pilotprojekt auf den Werksgeländen verschiedener Logistikunternehmen. Knapp zehn Fahrzeuge und doppelt so viele Fahrer beschäftigt Kramers Firma vor Ort: Dort rangieren, fahren und kuppeln sie aktuell unter kontrollierten Bedingungen. In einem zweiten Schritt soll der Dauerbetrieb, 24 Stunden am Tag, etabliert und getestet werden. Erst im dritten Schritt geht es auf öffentliche Straßen.  

In fünf Jahren könnten die ersten autonomen und fernüberwachten Lkw unterwegs sein. Nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt. „Fahrermangel ist ein globales Problem“, weiß Kramer. Das ist auch einer der wichtigsten Gründe, warum Fernride sich zunächst auf die Logistik-Branche konzentriert. Das muss aber nicht so bleiben: „Unsere Technik lässt sich überall einsetzen, wo Fahrer fehlen. Nicht nur bei Lkw, sondern auch bei Gabelstaplern, Baumaschinen – oder auch im Pkw.“  

Prinzipiell ist das System „fahrzeug-agnostisch“ ausgelegt. Das heißt, ihm ist egal, in welcher Art Auto es zum Einsatz kommt. Allerdings muss der Lkw oder Pkw über „Drive-by-Wire“-Technik verfügen. Das heißt, das Bremse, Gas und Lenkung nicht rein mechanisch oder hydraulisch funktionieren, sondern elektronisch betätigt werden können. Ein Ansatz, der in den kommenden Jahren zunehmen Standard werden dürfte. Fernride stellt vor allem die Software und die Vernetzung zur Verfügung, bietet aber auch ein Sensoren-Paket an, das dem Fahrzeug bei der Orientierung hilft. Darüber hinaus ist lediglich eine stabile Mobilfunk-Verbindung nötig, mit deren Hilfe der Teleoperateur das Fahrzeug überwachen und lenken kann. Auf Werksgeländen oder an Waren-Umschlagplätzen wie Häfen oder Container-Terminals ist das in der Regel gegeben. „Mit dem aktuellen Fokus sind Funklöcher für uns noch kein Problem. Soll die Teleoperation auch überall im Straßenverkehr möglich sein, müssen sie aber geschlossen werden.“  

Dann wäre der Weg frei für den Berufskraftfahrer der Zukunft. „Aus dem Lkw-Fahrer, der ständig unterwegs ist, wird ein Flottenmanager, der vom Schreibtisch aus arbeitet und am Feierabend zuhause ist. Für viele Berufskraftfahrer dürfte das sehr attraktiv sein“, glaubt Kramer. Ein Lkw-Führerschein ist für einen Teleoperateur rechtlich nicht notwendig. Und auch praktisch nicht nötig – Fernride hat beispielsweise auch mit Gamern gute Erfahrungen gemacht. Das Zocken von Videospielen ist hat viele Gemeinsamkeiten mit dem Fernlenken von Fahrzeugen. Künftig könnten tausende von ihnen als Lkw-Lotsen ihr Geld verdienen. (Holger Holzer/SP-X)