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Der Upgrade des automobilen Betriebssystems erfolgt im verkehrssicheren Zustand – die Abbuchung für sogenannte „Funktionen nach Bedarf“ erfolgt direkt nach Bestellung oder Abo-Verlängerung. Vor VW, BMW und Daimler kennt die Branche dieses digitale Aftersales-Geschäft von Tesla.  
Foto: Volkswagen AG
Das Upgrade des automobilen Betriebssystems erfolgt im verkehrssicheren Zustand – die Abbuchung für sogenannte „Funktionen nach Bedarf“ erfolgt direkt nach Bestellung oder Abo-Verlängerung. Vor VW, BMW und Daimler kannte die Branche dieses digitale Aftersales-Geschäft bereits von Tesla.  

amz-Serie: Over-the-Air-Updates, Teil 1

Fahrzeugvernetzung: Neuer Aftermarket voraus

Hersteller bringen Funktionen als buchbare Extras. Der IAM hat bei digitalen Umsätzen das Nachsehen. Werkstätten sollten Chancen und Risiken von Over-the-Air-Updates kennen. Wir widmen dem Trend-Thema eine Artikelserie.

Die meisten Fahrzeuge verfügen heute über eine ab Werk verbaute Internetanbindung per Mobilfunk. Die Autobauer lesen über die kabellose Schnittstelle (neudeutsch: „Over-the-Air“ bzw. OTA) verschiedene Daten aus. Dieser Zugang zu fahrzeug- und fahrerbezogenen Informationen war in der jungen Vergangenheit schon häufig Gegenstand wettbewerblicher Diskussionen: Auch die neue Bundesregierung erinnerte der Gesamtverband Autoteile-Handel (GVA) wieder an die Bedeutung eines „transparenten Zugangs zu Fahrzeugdaten für Berechtigte des Independent Aftermarket“ – hier geht es im Wesentlichen um wichtige Angaben zum Reparatur- und Wartungszustand der Fahrzeuge. Die Dimension der aus dem Fahrzeug heraus strömenden Daten nimmt mittlerweile auch die letzte Hinterhofwerkstatt wahr. Auch die umgekehrte Fließrichtung dämmert vielen – schließlich sind auch Kommunikationsmöglichkeiten mit den Fahrzeughaltern nicht zu unterschätzen.

Eine bislang vernachlässigte Perspektive stellt das Thema „Over-the-Air“-Updates (OTA) dar. Die Autohersteller aktualisieren die Software ihrer Produkte zunehmend über Funk. Teils, um die zehn bis zwanzig Jahre in Verkehr befindlichen Fahrzeuge auf dem neuesten Stand zu halten, aber auch zur Fehlerbehebung. Immer mehr in den Fokus rückt in letzter Zeit aber Motiv Nummer drei: Audi, BMW, Mercedes-Benz und Konsorten ahmen dabei das Apple-Erfolgsrezept nach und schielen auf ein digitales Zusatzgeschäft (Stichwort App-Business). Wie beim kalifornischen Technologiekonzern hofft man auf ein erhebliches Erlöspotenzial durch so genannte „Functions on Demand“ (Funktionen auf Abruf).

Luftschnittstelle ist schnell und effizient

Das Digitalgeschäft geht in vielen Fällen an der (Vertrags-)Werkstatt vorbei. Zwar sind regelmäßige Softwareupdates noch fester Bestandteil des Servicekonzepts vieler Hersteller und werden in den Betrieben durchgeführt, doch die OTA-Technologie verspricht günstiger, schneller und effizienter zu sein. Renault lässt sich hier in die Karten blicken: „Durch die neue Technologie sind 85 bis 90 Prozent der Fahrzeuge mit aktueller Software ausgestattet. Früher waren es bestenfalls 60 Prozent, die über unsere Händler aktualisiert wurden“, so Edouard Valenciennes von der Renault Software Factory. Die Spezialabteilung wurde im August 2020 ins Leben gerufen und vereint rund 600 Softwareexperten der „Allianz“ aus Renault und Nissan. Die Technologie findet übrigens nicht nur im „Premium-Segment“ Anwendung: Neben zahlreichen Renault-Modellen steht OTA den Angaben zufolge auch für die dritte Generation des Dacia Logan sowie die Modelle Duster und Dokker zur Verfügung.

Software-Updates als Upgrade

„Unsere Branche ist in einer aufregenden neuen Ära, die von dem zunehmend digitalen Lebensstil unserer Kunden angetrieben wird", ließ Carlos Tavares, CEO von Stellantis, beim Software-Day im Dezember 2021 wissen. Auf Anfrage von amz heißt es aus der Presseabteilung des 14 Marken-Konzerns: „Wir sind zuversichtlich, bis 2026 mehr als vier Milliarden Euro zusätzlichen Umsatz zu erzielen, bis 2030 steigt der zusätzliche Jahresumsatz auf rund 20 Milliarden Euro an.“ Im Jahr 2021 beliefen sich die Umsätze mit softwaregestützten Diensten und Features bereits auf 400 Millionen Euro. „Während es in der Vergangenheit darum ging, die Margen zu erhöhen, indem Kunden eine bessere Hardware und eine höherwertige Ausstattungslinie wählten, werden wir Kunden künftig softwarebasierte Dienstleistungen anbieten“, so ein Unternehmenssprecher auf Anfrage.

Aktuell machen bei Citroën, Opel, Peugeot, Fiat und Jeep Satellitenradio-Abonnements und vernetzte Navigation den Großteil des Umsatzes aus. Andere Hersteller sind hier schon weiter: Pionier bei der nachträglichen Freischaltung von Sonderausstattungen und Features war Tesla. Der kalifornische Elektroauto-Fabrikant sieht sich als Tech-Unternehmen und hat das OTA-Thema seit dem Marktstart des Model S vor zehn Jahren auf der Agenda. Bekannt geworden ist in der Zwischenzeit insbesondere der für mehrere tausend Euro „downloadbare“ bzw. vorübergehend zu einer Monatsmiete von über 100 Euro nutzbare Autopilot. Auch die elektrische Reichweite bzw. das Akkuvolumen ist variabel und gegen Entgeld zubuchbar. Heute hat Tesla sein digitales, nachträglich installierbares Produktportfolio u.a. um die Pakete „Sentry Mode“ (Diebstahlschutz), „Dynamic Brake Lights“ (automatischer Warnblinker nach abruptem Bremsvorgang) sowie „Boombox“ erweitert. Ist letztere Funktion freigeschaltet, können Autofahrer mit Sendungsbewusstsein ihre Außenlautsprecher aktivieren und die Umgebung beschallen.

Hardware ab Werk – Erlöse in der Nutzungsphase

Die Hardware für die nachträglich aktivierbaren Funktionen ist in allen Fahrzeugen ab Werk eingebaut und somit über deren gesamte Lebensdauer verfügbar. Der Kunde bezahlt jedoch nur für die Funktionen, die er beim Kauf bestellt hat oder die er nachträglich hinzubucht. Bei Volkswagen heißt es dazu: „Das Auto hat quasi alles bereits an Bord und der Kunde kann gewünschte Funktionen jederzeit ‚on Demand‘ über das digitale Ökosystem im Auto hinzubuchen. Die Komplexität in der Fertigung nimmt dadurch deutlich ab.“

Seit fast zwei Jahren macht Konzerntochter Audi Kunden in Norwegen und Deutschland die Buchung von Funktionen nach Bedarf schmackhaft – nach dem Kauf des Autos. „Somit ergeben sich völlig neue Möglichkeiten der Individualisierung des eigenen Autos“, hieß es 2020 in einer Mitteilung. Diese „Functions on Demand“ starteten für die E-tron-Modelle sowie für A4, A5, A6, A7, Q5, Q7 und Q8. Bei den Elektrosportlern des deutschen Herstellers lassen sich beispielsweise die LED-Scheinwerfer zu Matrix LED-Scheinwerfern mit automatischem Fernlicht upgraden – Buchung und Bezahlung erfolgen über die App oder das Web-Portal von myAudi.

Auch ein Blick in den Online-Store „Mercedes me“ von Daimler verrät: Die Stuttgarter verfolgen ähnliche Ziele. Das Zusatzpaket „Adaptiver Fernlicht-Assistent“ kostet für ein Jahr 59 Euro, für drei Jahre 169 Euro (Stand Dezember 2021). Eine erweiterte Hinterachslenkung ist für den Mercedes-Benz EQS ebenso kostenpflichtig nachbuchbar. Hier ruft der Anbieter sportliche Preise auf (ein Jahr: 498 Euro, drei Jahre: 1.169 Euro). Die zeitliche Begrenzung soll sicherstellen, dass der Umsatz auf Dauer sprudelt: „Dienste, deren Abonnement abgelaufen ist, können schnell und bequem über den Mercedes me-Store direkt online verlängert werden“, so Daimler. Die Bezahlung erfolgt unter anderem über „Mercedes pay“. Mercedes-Benz spricht von wiederkehrenden Umsätzen durch „digitale Dienstleistungs-Abos“: „Bis 2025 sollen allein die digitalen Dienste eine Milliarde Euro zum Betriebsergebnis von Mercedes-Benz beitragen“, heißt es gegenüber unserer Zeitschrift. Details erfährt man derzeit nicht und vertröstet auf geplante, im zweiten Halbjahr 2022 beginnende Kommunikationsmaßnahmen.

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Fortschrittliche „Funktionen nach Bedarf“: Tesla startete die Vermarktung über die OTA-Schnittstelle, deutsche Hersteller wie BMW und Daimler ziehen nach.
Foto: Mercedes-Benz AG
Der „Mercedes me“-Online-Store bietet Upgrades für vernetzte Fahrzeuge des Daimler-Konzerns. Nutzer bittet der Hersteller dafür entweder einmalig oder vorübergehend zur Kasse, d.h. die Dienste lassen sich kaufen oder mieten.

Wenig überraschend: Auch in München herrscht Goldgräberstimmung: Im BMW-Onlineshop „ConnectedDrive“ können registrierte Kunden zwischen den im Wesentlichen Infotainment-Dienste umfassenden vier „Digitalen Paketen“ („Connected Booster S“ bis „Connected Booster XL“) sowie „Digitalen Diensten“ wählen. Ein Beispiel für letzteres ist das „Adaptive M Fahrwerk“. Mit dem im November 2021 in den Handel gekommenen Modell BMW iX geht ein erweitertes Angebot von „Functions on Demand“ einher. Beispiele sind Lenkradheizung, Sitzheizung sowie das stetig weiterentwickelte Feld der Fahrerassistenz, wie ein Sprecher gegenüber amz verrät. Auch dieses Angebot können Kunden über die gesamte Laufzeit des Fahrzeuges kaufen oder nur für einen bestimmten Zeitraum buchen bzw. leasen.

In der „Accelerate“-Strategie gibt auch Volkswagen Over-the-Air-Updates als neues Geschäftsmodell aus. Die Hardware werde weitgehend vereinheitlicht, heißt es aus Wolfsburg. „Zusätzliche Funktionen und innovative Technologien lassen sich künftig via Software-Update nachträglich zubuchen.“ Over-the-Air Updates sind laut Cariad-CEO Dirk Hilgenberg eine zentrale Funktionalität des digitalen, vernetzten Autos und werden für die Kunden zur Normalität – „so wie das Herunterladen des neuesten Betriebssystems oder von Apps beim Smartphone“, ergänzt der Manager als Chef der VW-IT-Tochter.

Können Servicebetriebe partizipieren?

Thomas Ulbrich, Volkswagen Vorstand Technische Entwicklung: „Mit ‚Accelerate‘ haben wir uns zum Ziel gesetzt, das Automobil zu einem softwarebasierten Produkt weiterzuentwickeln. Dabei wird die effiziente und sichere Software-Integration ins Fahrzeug für Volkswagen zu einem erfolgskritischen Wettbewerbsfaktor. Davon soll auch das Partnernetz profitieren, wie es bei Audi heißt: „Auch für die Händler eröffnet sich durch ‚Functions on Demand‘ ein neues Geschäftsfeld: Vermitteln sie ihren Kunden die Buchung von passenden Funktionen für ihr aktuelles Fahrzeug, bekommen sie dafür einen Bonus.“

Auch bei Ford gibt es Überlegungen, Vertragsbetriebe partizipieren zu lassen: Dies sei „im Moment Gegenstand der Untersuchungen und Gesprächen mit unseren Händlern“, war aus der Presseabteilung der Kölner zu vernehmen. Aktuell sind den Angaben zufolge weltweit fast sieben Millionen Ford-Fahrzeuge OTA-fähig. Bis 2028 sollen 33 Millionen OTA-fähige Fahrzeuge vom Band rollen. Eine Voraussetzung für diese intelligente Vernetzung stellt das FordPass Connect-Modem dar, welches bei zahlreichen Baureihen serienmäßig an Bord ist. „Dieses Modem ist die technische Voraussetzung für die kontinuierliche Aktualisierung der bordeigenen Software und damit auch für die Ausweitung des Fahrzeug-Funktionsumfangs per kabelloser OTA-Übertragung“, erklärte ein Sprecher gegenüber amz. In Europa verfügten rund zwei Millionen Fahrzeuge über diese OTA-Schnittstelle. Zur Speerspitze zählt der Mustang Mach-E – dieser sei derzeit das einzige Ford-Fahrzeug in Europa, das über die sogenannte FNV Architektur („Fully Networked Vehicle”) verfügt, „weitere Baureihen mit dieser Architektur werden folgen“, so Ford.

In Teil 2 unserer kleinen OTA-Serie erfahren Sie, inwieweit Autozulieferer vom „neuen Aftermarket“ profitieren. Der Beitrag findet sich hier. Im dritten Teil befassen wir uns mit vermeintlichen Kehrseiten der neuen Technologie und lassen Verbraucherschützer sowie Branchen-Verbände wie den GVA zu Wort kommen. Hier geht es zu Teil 3.

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