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Ganz gleich, ob über das Plakat, die Jobanzeige in der regionalen Zeitung oder den Social Media-Auftritt mit allem Schnickschnack: Die Kfz-Branche muss Talente ansprechen und halten.
Foto: Martin Schachtner
Ganz gleich, ob über das Plakat, die Jobanzeige in der regionalen Zeitung oder den Social Media-Auftritt mit allem Schnickschnack: Die Kfz-Branche muss Talente ansprechen und halten.

Personalmarketing

Fachkräfte: Profisuche mit Profil und Stil

Die Branche muss mehr Interesse für Karrieren im Kfz-Handwerk wecken. Bei der Talentsuche wollen neue Wege beschritten werden – am besten geht das gemeinsam.

Fachkräfte braucht die Kfz-Branche – darin sind sich Industrie, Servicebetriebe, Bildungsanbieter und Verbände einig. Und auch der internationale Autoteilehandel stimmt in den Kanon ein: Die Suche nach geeigneten Nachwuchskräften war sowohl auf dem International Business Forum von Nexus Automotive International in Wien als auch beim Global Forum 2021 der Teilehandels-Kooperation Temot International ein zentrales Thema. Eine direkte Folge ist jetzt die Gründung des Verbands Talents4AA (Talente für den Automotive Aftermarket). Einer aktuellen Mitteilung zufolge vereint die Träger das Ziel, talentierte Nachwuchskräfte für die Ersatzteil- und Reparaturbranche zu begeistern.

Der Kfz-Aftermarket sei ein faszinierendes und wichtiges Betätigungsfeld mit ausgezeichneten Perspektiven, sowohl auf Werkstattseite als auch in einem Handelsunternehmen sowie bei Teileherstellern – allerdings liege das Betätigungsfeld unterhalb des Radars vieler Schulabgänger und Universitätsabsolventen, heißt es in der Mitteilung. Um dem Thema mehr internationalen Schub zu geben, schlossen sich die elf Gründungsmitglieder zu Talents4AA zusammen: Neben den Teilespezialisten BorgWarner, Bosch, Nissens, Schaeffler, TMD Friction und ZF ging der Impuls von den erwähnten Handelskooperationen Nexus, Temot sowie von Global One Automotive aus. Auch der europäische Teilehandelsverband Figiefa macht mit. Der gesamten Kfz-Branche möchte sich der in Paris beheimatete Verband zur Automechanika im September präsentieren.

Wettbewerb um Talente

Wie erfreulich, dass sich in der Berufsausbildung hierzulande wieder ein Aufwärtstrend abzeichnet. Die Ausbildungszahlen bleiben trotz Corona stabil – der pandemiebedingte Dämpfer im Jahr 2020 konnte im vergangenen Jahr überwunden werden. Wie der ZDK-Landesverband Hessen in einer Rückschau bekundete, ist diese Entwicklung bemerkenswert, weil sich viele bewährte Formate der Berufsorientierung bzw. Nachwuchswerbung auch 2021 nicht, oder nur in eingeschränkter Form, durchführen ließen. Hinzu kommt die Konkurrenz durch die Autohersteller: In Regionen um die Automobil-Hochburgen Stuttgart oder München locken diese mit höheren Gehältern. Und auch in Berlin/ Brandenburg werden mit der Ansiedelung von Tesla die Karten neu gemischt, worauf regionale ZDK-Vertreter immer wieder hinweisen.

Alles in allem bleibt die Nachfrage glücklicherweise auf einem zufriedenstellenden Niveau. Das eigene Angebot könnte die Kfz-Branche sicherlich etwas optimieren. Aufgrund wirtschaftlicher Unsicherheiten scheuen einige Betriebe die Ausbildung von künftigen Fachkräften. Wer als Autohaus- bzw. Werkstattinhaber aber die vermeintlichen Risiken und Kosten einer Ausbildung scheut, der sollte noch einmal rechnen: Wenn ein Meisterbetrieb nämlich richtig ausbildet, dann haben sich bei guten Azubis die Kosten spätestens zum Ende der Ausbildung wieder amortisiert. Qualitativ hochwertige Ausbildung zahlt sich aus, wie ein Beispiel aus dem ZDK-Landesverband Hessen zeigt: Joachim Kuhn, Geschäftsführer des Landesverbandes, Harald Flackus, Obermeister der Kfz-Innung Wiesbaden-Rheingau-Taunus, sowie Siegfried Schloz, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Wiesbaden bedankten sich im Dezember u.a. bei Martin Pöller und René Ackermann von Rossel + Scherer und zeichneten den Volkswagen-Partnerbetrieb für exzellente Ausbildungsleistungen aus. Die Autohaus-Manager trugen und tragen mit ihrem Serviceteam für die Expertise von Jonas Müller, dem Bundessieger des Praktischen Leistungswettbewerbs der Kfz-Mechatroniker, bei.

Wie arbeiten wir morgen?

Aktuelle und künftige Herausforderungen des Kfz-Gewerbes können Betriebe nur mit Fachkräften begegnen. Die Mitarbeiter in Werkstatt und Autohaus bekommen es schließlich verstärkt mit neuen Antrieben, veränderten Vertriebsmodellen und digitale Arbeitsweisen zu tun. Damit die Aus- und Weiterbildung auf der Höhe der Technologie bleiben, lohnt ein Blick nach vorne, denkt man sich auch in Baden-Württemberg: Aus diesem Grund hat die Landesagentur e-mobil BW eine Studie zur Transformation des Kfz-Gewerbes und möglichen Beschäftigungseffekten für die 2030 bis 2040 in Auftrag gegeben. Erste Ergebnisse sollen im November 2022 publiziert werden. Das Kraftfahrzeuggewerbe im Ländle beschäftigt derzeit rund 87.000 Personen und unterstützt die Untersuchung, heißt es in einer Mitteilung. „Von dieser Studie erhoffen wir uns konkrete und praxistaugliche Handlungsempfehlungen für Betriebe, Verbände und Politik“, kommentiert Michael Ziegler, Präsident des Verbands des Kraftfahrzeuggewerbes Baden-Württemberg.

Soziales Engagement kann sich auszahlen

Manchmal wohnt einer Herausforderung auch eine Chance inne, wie das Positivbeispiel Nabeel al Khadra zeigt. Der syrische Flüchtling und ausgebildete Kfz-Experte schraubte in seinem Heimatland an älteren Fahrzeugen. Dann kam 2015 der Bürgerkrieg und er sah sich gezwungen, mit seiner Familie zu fliehen. Im Sauerland erkannte Autohaus-Inhaber Ludger Gödde das Potenzial des jungen Syrers, stellte ihn ein und förderte ihn: Über ein Praktikum, eine geringfügige Beschäftigung gelangte Nabeel al Khadra zur Berufsanerkennung und schließlich zur Festanstellung. Dafür erhielt der Mazda-Partnerbetrieb von Ludger Gödde im November 2018 den Integrationspreis des Handwerks Nordrhein-Westfalen, wie aus einer Mitteilung des Importeurs hervorgeht. Bei der Talentfindung führt gegebenenfalls auch eine unkonventionelle Suche ans Ziel.

Wie Ludger Gödde vor einigen Jahren vom Engagement für die lokale Flüchtlingsinitiative profitierte, dürfte aktuell auch die Integration ukrainischer Familien besser klappen, wenn die Potenziale der Geflüchteten erkannt und gefördert würden. Neben dem kurzen Draht ins lokale Flüchtlingsheim bietet auch die Bundesagentur für Arbeit Unternehmern Beratungsleistungen und Vermittlungsservices. Eine wichtige Neuerung in Hinblick auf die Aufnahme und Eingliederung von Menschen aus dem osteuropäischen Land gibt es seit der EU-Innenministerkonferenz Anfang März: Nach einem Rats-Beschluss ist seither in der gesamten Europäischen Union der Weg frei ist für die Erteilung eines vorübergehenden humanitären Aufenthaltstitels für Geflüchtete aus der Ukraine. Darüber informierte unter anderem der Verband der bayerischen Wirtschaft (vbw). Eine Folge: Schutzsuchende aus der Ukraine bekommen nach ihrer Registrierung im jeweiligen EU-Land Zugang zu Arbeit, Bildung sowie Sozialleistungen und medizinischer Versorgung.

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Zwar sind Azubi-Gehalt und Gesellenlohn nicht selten bescheiden, doch die beruflichen Perspektiven und späteren Verdienstmöglichkeiten im Kfz-Handwerk sind interessant.
Foto: Andreas Fengler/ ProMotor
Zwar sind Azubi-Gehalt und Gesellenlohn nicht selten bescheiden, doch die beruflichen Perspektiven und späteren Verdienstmöglichkeiten im Kfz-Handwerk sind interessant.

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