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Schadensteuerung

Ende der Fahnenstange

Thomas Aukamm, Hauptgeschäftsführer Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik e.V. (ZKF), über den ungebrochenen Trend zur Schadensteuerung und betriebswirtschaftliche Probleme in der Branche.

Sie haben neulich gesagt, bei der Schadensteuerung sei das Ende der Fahnenstange erreicht – ist die Lage wirklich so ernst?

Thomas Aukamm: Ich würde das nicht nur auf die Schadensteuerung beziehen. Diese ist aber sicherlich ein wichtiger Grund, warum es vielen Betrieben schlecht geht. Nicht wenige haben Verträge mit Versicherern oder Schadensteuerern unterschrieben, bei denen der Stundensatz unter den Selbstkosten liegt. Das Hauptproblem liegt darin, dass viele Betriebe ihren kostendeckenden Stundensatz nicht kennen und mit dem zufrieden sind, was ihnen angeboten wird. Das nutzen die Schadensteuerer aus. Wenn der Hof mit Arbeit vollsteht und die Auslastung der Werkstatt stimmt, heißt das noch lange nicht, dass man auch Geld verdient. Dass man bei diesen Tätigkeiten unter Umständen Geld dazugibt und das Ganze letztlich mit seinem Privatvermögen finanziert, das wissen nur wenige. Zum Beispiel wird, wenn dem Betriebsinhaber die Werkstattimmobilie gehört, die kalkulatorische Miete oftmals nicht mit in die Rechnung einbezogen. Deshalb haben wir den Appell noch einmal klar und deutlich an alle Betriebe gerichtet: Seid vorsichtig mit dem, was ihr unterschreibt und überprüft eure Kostensituation.

Was kann man machen? Das Problem sind ja offensichtlich mangelnde betriebswirtschaftliche Kenntnisse der Betriebsinhaber…

Thomas Aukamm: Der Fokus in den Betrieben liegt meist auf dem handwerklich-technischen Bereich. Themen wie Betriebswirtschaft und Abrechnung werden von vielen immer noch eher als notwendiges Übel angesehen. Die Betriebe, die ihre Prozesse und Zahlen aber unter Kontrolle haben, schaffen es in den Verhandlungen mit den Schadensteuerern häufig, einen höheren Stundensatz zu erzielen, mit dem sie auch bei gesteuerten Aufträgen noch einen kleinen Gewinn einfahren können.

Bieten Sie als Verband betriebswirtschaftliche Nachhilfe an?

Thomas Aukamm: Ja, wir haben schon vor über zehn Jahren ein betriebswirtschaftliches Schema entwickelt, mit dem sich jeder Betrieb seinen passenden Stundenverrechnungssatz ausrechnen kann. Und selbst, wenn der Inhaber das nicht selbst kann oder möchte, hat er immer noch die Möglichkeit, mit diesem Schema zum Steuerberater zu gehen. Dann rechnet der das eben aus. An diesem Wert sollte man sich dann aber auch orientieren. Vielen Betrieben wird durch die Zahlen erst bewusst, an welchen Schrauben sie drehen können, um das Ergebnis zu verbessern. Wenn die Betriebe – wie es in unserem Branchenbericht geschrieben steht – vor Abschreibungen und Steuern im Schnitt auf ein Ergebnis von 3,7 Prozent kommen, ist das nicht wirklich viel. Denn auf der anderen Seite haben wir diverse neue Techniken, die permanente Investitionen erfordern. Zum Beispiel für Diagnosegeräte und Kalibrierungssysteme, aber auch für die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter. Wenn man nicht aufpasst, hat man am Ende rote Zahlen im Ergebnis. Und das darf so nicht sein. Die Betriebe sollten für ihre Arbeit angemessen bezahlt werden und nicht noch die Schadensteuerer oder Versicherungen finanzieren.

Was raten Sie den Betrieben, wenn die Versicherung bei der Abrechnung wieder mal der Rotstift angesetzt hat?

Thomas Aukamm: Gegen jede Kürzung vorzugehen. Unsere Erfahrung zeigt, dass sich das lohnt. Wenn man bei den Versicherern bekannt ist als Betrieb, der gegen Rechnungskürzungen konsequent und im Notfall bis zur Klage vorgeht, hilft das ungemein. Denn diese Betriebe bleiben bei der Rechnungskürzung meist außen vor. Wir unterstützen die Betriebe dabei, indem wir die Plattform SOS Rechnungskürzung eingerichtet haben. Dort kann man die Unterlagen hochladen, die wir dann überprüfen. Eine Kürzung kann ja auch mal berechtigt sein – meistens ist sie es aber nicht. Zur Not bringen wir den Fall auf Kosten des ZKF zur Klage. Bislang haben wir in 98 Prozent der Fälle Erfolg. Das zeigt eindeutig, dass hier Kalkül dahintersteckt. Meistens reicht es aber schon aus, eine Klage nur anzudrohen.

Was ist davon zu halten, dass der Autofahrer zunehmend in den Abrechnungsprozess mit eingebunden wird? Indem er etwa Fotos vom Schaden macht und diese per Handy-App bei seiner Versicherung einreicht.

Thomas Aukamm: An dieser Stelle wird es wirklich perfide. Mit der Fotoanalyse eines Schadens wird der Schadenswert über einen Algorithmus automatisiert berechnet. Bei einer fiktiven Abrechnung hat der Geschädigte mit ein paar Knopfdrücken dann sehr schnell das Geld auf dem Konto. Das hört sich praktisch an, aber genau das ist das Ziel der Versicherung. Sie kann nämlich bei der schnellen fiktiven Abrechnung am meisten sparen. Sie spart dabei nicht nur die Mehrwertsteuer, sondern auch den Gutachter und den Rechtsanwalt. Das ist für die Versicherung die einfachste Möglichkeit, aus dem Schaden herauszukommen. Dazu kommt, dass eine Fotoanalyse nie den wirklichen Schaden sichtbar machen kann, der sich unter der Karosserie oder der Stoßstange befindet. Das geht nur über einen Gutachter und über das partielle Zerlegen des Fahrzeugs. Nur damit kann man zu einem korrekten Schadenswert kommen.

Sorgt die zunehmende Digitalisierung der Prozesse zumindest für eine Arbeitserleichterung bei den Werkstätten?

Thomas Aukamm: Wir beobachten eher, dass mit der Schadensteuerung auch ein erhöhter Aufwand an administrativen Aufgaben verbunden ist. Ich muss Regularien erfüllen, Formulare ausfüllen und Dokumentationen leisten. Da man diese Leistungen nicht abrechnen kann, erhöht das die Kosten weiter. Und natürlich verursachen auch die regelmäßigen Rechnungskürzungen einen hohen administrativen Aufwand bei den Betrieben. Dazu kommt, dass die Versicherer zunehmend nicht nur den Einblick in die digitale Welt der Werkstatt haben wollen, sondern auch Eingriffsmöglichkeiten. Der offizielle Grund dafür ist die erhöhte Transparenz für den Geschädigten. Gerne genutzt wird das für die Vergabe von Terminen. Man muss hier aber sehr aufpassen, dass Dritte nicht Zugriff auf die Kapazitäten der Werkstatt bekommen oder die Versicherung am besten noch die betriebswirtschaftlichen Zahlen sehen kann. Da ist eine rote Linie erreicht. Die Werkstatt muss immer die entscheidende Kraft im Prozess sein und darf sich nicht über eine Versicherung steuern lassen.