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Karosserie & Lack

Elektroautos nicht zu heiß fönen

Batteriepacks sind temperaturempfindlich. Das müssen K&L-Betriebe berücksichtigen. Tipps und Hilfe geben Autohersteller, Lackspezialisten und Ausrüster.

Die zunehmende Verbreitung von Elektrofahrzeugen birgt Chancen und Risiken. Auch im Bereich der Unfallreparatur gibt es Sicherheitsaspekte zu beachten. Und nach einer erfolgreichen Instandsetzung rollen viele Stromer von der Lackierung zur Trocknung. Gerade für die Trocknungsphase gilt, die Temperatur der Akkupacks darf etwa bei der forcierten Ofentrocknung nicht zu stark ansteigen– darauf wies nicht zuletzt die Interessengemeinschaft für Fahrzeugtechnik und Lackierung (IfL) beim ZKF wiederholt hin. Hilfestellung und Vorgaben geben zumeist die Fahrzeughersteller. Und auch Lackherstellern sowie bei den Kabinenbauern ist das Problem bekannt.

Wenn also das Elektrofahrzeug komplett in die Kabine kommt und keine separate Lackierung von demontierten Karosserieteilen erfolgt, dann gilt laut Axalta eine klassische Formel: Die nachfolgende Trocknung nimmt – bei Lackierung mit konventionellem Material – 60 Grad bei 30 Minuten in Anspruch. Laut Lackhersteller handelt es sich um die Objekttemperatur, nicht die Temperatur in der Kabine. "Da einzelne Bauteile oder Bereiche des Fahrzeuges sich nur langsamer erwärmen als andere, dauert der tatsächliche Aufheizvorgang oft deutlich länger", hieß es auf Anfrage von amz.

Audi verbaut in den E-Tron Akkus der Firmen LG Chem und Samsung SDI. Die Ingolstädter empfehlen ein Temperaturfenster von minus 28 Grad bis 60 Grad. Um eine Temperatur von 70 Grad nicht zu überschreiten, dürfen Hybrid- und Elektrofahrzeuge laut Audi nicht länger als 90 Minuten im Lacktrockner oder in einer Kombikabine im Trocknungsbetrieb verbleiben, hieß es auf Anfrage. "Sollten Reparaturmaterialien verwendet werden, deren forcierte Trocknungszeit eine Überschreitung der erlaubten 90 Minuten oder 65 Grad vorschreiben, so sind diese mit alternativen Trocknungsmethoden wie z.B. Infrarot- oder Gastrockenstrahler zu trocknen", so der O-Ton.

Bei Mitsubishi heißt es analog dazu: Wenn Fahrzeuge nach Lackierarbeiten komplett in eine Trockenkabine verbracht werden müssen, "darf die Trockenkabine nur mit maximal 60 Grad betrieben werden." Bei höheren Temperaturen werde ansonsten der Batteriepack beschädigt. Falls aber aus lacktechnischen Gründen eine höhere Temperatureinstellung notwendig ist, muss gemäß Herstellervorgabe das komplette Batteriepack unter Berücksichtigung der Werkstattanleitung demontiert werden, erklärte die Deutschland-Zentrale auf amz-Anfrage. Die BMW-Stromer dürfen laut Herstellervorgabe zwischen zwei Stunden bei einer Temperatur von 60 Grad bzw. einer Stunde bei 80 Grad in den Trockner, je nach Modell - war aus München zu vernehmen.

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Maschinelle Trocknungsverfahren

Klassische, maschinelle Trocknungsverfahren umfassen laut Axalta Durchlüftung, Temperaturerhöhung oder Bestrahlung durch Infrarot. Diese entsprechen aber weder unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit noch dem der Kosten den aktuellen Anforderungen des Marktes, erklärten Dirk Sauer, Technical Service Manager, sowie Michael Kramer, Technical Service Teamleader bei der Axalta-Lackmarke Spies Hecker: Insbesondere eine Anhebung der Temperatur während einer Ofentrocknung von 40 auf 60 Grad bewirke einen überproportional hohen Energieaufwand, urteilten die Experten beim Lackhersteller. "Aber auch die Tatsache, dass niedrigere Objekttemperaturen für die meisten Bauteile am Fahrzeug wesentlich schonender sind, sollte zu denken geben – nicht erst seit den klaren Herstellervorgaben hinsichtlich batteriebetriebener Kraftfahrzeuge."

Etwas großzügiger legen viele Autohersteller diese Werte aus: Hyundai zum Beispiel gibt die empfohlene Batterietemperatur langfristig mit unter 70 Grad an, kurze Temperaturspitzen (bis zu 20 Minuten) von bis zu 80 Grad sollten die derzeit verbauten Akkus auf Lithium-Ionen-Polymer-Basis aber aushalten können, hieß es. Aus Sicht des Importeurs ist keine Demontage der Batteriepakete notwendig: Bei normaler Nutzung einer Lackierkabine werde die angegebene Hitzeschwelle nicht erreicht. Renault zufolge fühlen sich die im Rahmen der "Zero Emission" verbauten Lithium-Ionen-Akkus in einem Temperaturbereich zwischen minus 30 und 60 Grad wohl. "Damit die Batterie selbst keinen Wirkungsgradverlust erleidet, darf die Kabinentemperatur 60 Grad nicht überschreiten", erklärte ein Sprecher aus der Deutschland-Zentrale in Brühl. Wenn die Trocknung unterhalb dieser Marke erfolgt, dann gebe es auch hinsichtlich der Dauer keine Vorgaben oder Warnungen.

Die Strategie der Autolack-Hersteller liegt hingegen in einer Optimierung ihrer Lacksysteme. Bei Spies Hecker sei es gelungen, schneller trocknende Lacksysteme zu entwickeln. Diese bieten laut Axalta unter Einsatz der bestehenden technischen Anlagen sowie Verfahren hohe Effizienz. "Mit dem Spies Hecker Speed-TEC System sind K+L-Betriebe heute in der Lage, die Taktzeiten deutlich zu minimieren. Und das bei Objekttemperaturen ab 20 Grad", hieß es. Möglich sei dies durch chemische Innovationen – auf diese Weise halten sich dem Lackhersteller zufolge Investitionen in schnelle Trocknungstechnologie sowie Energiekosten in Grenzen.

Davon könnte sicherlich auch das Toyota-Servicenetz profitieren. Die Trocknungstemperatur soll eigenen Vorgaben zufolge unter 60 Grad bleiben. Weiter empfiehlt Toyota Deutschland, die häufig im Bereich der Rücksitzbank bzw. hinteren Türeinstiege befindlichen Belüftungsöffnungen der Antriebsbatterien (auf Basis: NiMH und Lithium-Ion) zu schließen, um die Akkus vor Schleif- oder Lackierstaub zu schützen, wie ein Sprecher erklärte. Bei der Daimler AG heißt es: Die Batterietemperatur vor dem Trockenvorgang muss unter 30 Grad liegen. Laut Hersteller müssen dies Werkstatt-Mitarbeiter vorab mit Hilfe geeigneter Temperaturmessgeräte oder durch Auslesen der Temperatur-Werte im Diagnosesystem überprüfen. Danach gilt: Die Kabinentemperatur darf 80 Grad nicht überschreiten. Die maximale Verweildauer der Fahrzeuge in der Trocknungsanlage darf 60 Minuten nicht überschreiten.

Die richtige Hard- und Software

Die Technik macht den Unterschied – diesen Eindruck bekommt, wer beim Werkstattausrüster Sehon nachfragt. Und wie gelesen, auch die Lackhersteller sind auf den eigenen technologischen Beitrag stolz. Den Trocknungsprozess beeinflussen laut Axalta neben dem eingesetzten Lackmaterial die Fläche, der Farbton, das Substrat, der Schichtaufbau sowie die Stärke, aber auch gegebenenfalls die Position am Fahrzeug oder die aktuelle Luftfeuchte. Tiemo Sehon ergänzt das Trocknungssystem sowie die Intensität des Energieauftrages. Bei letzterem gebe die Lackindustrie den Takt vor, erklärte er als CEO der Sehon Innovative Lackieranlagen GmbH: Eine Erhöhung der Umlufttemperatur widerspreche dem Wunsch nach mehr Umweltschutz und weniger Energiekosten. "Deshalb baut Sehon schon seit vielen Jahren energieperfektionierte Lackierkabinen, die gegenüber vergleichbaren Standard-Lackierkabinen und Trocknern über 80 Prozent der Energie einsparen." Weitere Stellschrauben seien aktuell Wärmerückgewinnung oder Blockheizkraftwerke (BHKW). Zum Thema Emobility stellte Tiemo Sehon fest, dass bei E-Fahrzeugen vermehrt die vorher beschriebenen Klarlacke zum Einsatz kommen, die mit bedeutend weniger Trocknungsenergie auskommen.

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