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Lackierbetrieb

Digitales Handwerk

Der Lackierbetrieb braucht Fachkräfte mit Erfahrung. Doch ohne moderne digitale Werkzeuge kommen auch die alten Hasen nicht mehr weit.

Es gibt eine Vielzahl von Herausforderungen für Fachbetriebe, die in der Unfallreparatur tätig sind. Neben Kostendruck, Fachkräftemangel und Auslastung steht eine zunehmende technische Komplexität im Fokus. Wie im gesamten Kfz-Handwerk, beeinflusst Digitalisierung auch die Karosserie- und Lackierbranche. Digitale Werkzeuge und Programme sollen helfen, Prozesse zu optimieren sowie zu planen, zu überwachen und zu steuern. „Grundsätzlich sollte unser Bestreben immer sein, die Arbeitsabläufe zu vereinfachen und effizienter zu gestalten. Auch die Vermarktung und die Kundenakquise ist deutlich digitaler geworden“, heißt es beispielsweise bei BASF Coatings. Der Unternehmensbereich Coatings der BASF ist in Deutschland mit den Lackmarken Glasurit und R-M vertreten sowie mit den Werkstattsystemen „ColorMotion“ (Glasurit) und „Premium Partners“ (R-M).

Sensorische Oberflächenanalyse

Werkstattkunden unterstützt der Anbieter aus Münster unter anderem mit einem Instrumentarium zur Farbfindung. Im Angebot findet sich beispielsweise das tragbare Gerät Glasurit RATIO Scan, das in das Glasurit RATIO Color System eingebunden ist. Während analoge Farbtonarchive häufig über mehrere Tausend Muster verfügen, alle paar Monate aktualisiert werden und eine gewisse Erfahrung seitens der Anwender notwendig machen, setzt das digitale Farbtonmanagement auf Datenerfassung. Bei der Messung werden mit Hochleistungskameras und Sensoren Oberfläche und Farbton analysiert und zum Beispiel als Spektralkurve dargestellt, hieß es auf amz-Anfrage. Diese Daten werden mit einem sich täglich aktualisierten Archiv in Sekundenschnelle abgeglichen. Über Filterkriterien wie Hersteller, Fahrzeugmodell und Baujahr lasse sich die Suche eingrenzen. Somit hat der Anwender Zugriff auf eine deutlich größere Datenbank mit mehreren hunderttausend Farbtönen, was den Prozess der Farbtonbestimmung effizienter und genauer macht.

Eine ähnliche Herangehensweise verfolgt ein Anbieter aus Süddeutschland: „Alle Karosserie- und Lackierfachbetriebe sind vom digitalen Wandel betroffen. Die Farbtonvielfalt nimmt weiter zu – rund 1.200 neue Farbtöne gibt es jedes Jahr“, erklärte Armin Dürr, Technical Manager DACH, bei der AkzoNobel Coatings GmbH. Lackierer treffen also häufig auf Farbtöne, die neue Varianten besitzen. Dies lässt sich mit der klassischen Color-Dokumentation nicht mehr abdecken. Die Farbtonfindung entwickle sich zu einem standardisierten, digitalen und globalen Prozess.

Die deutsche AkzoNobel-Niederlassung in Stuttgart unterstützt Partner u.a. mit den Lackmarken Sikkens und Lesonal sowie dem Netzwerk Acoat Selected. Das K&L-Konzept umfasst gut 380 Betriebe in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Lackierer müssen, trotz steigender Fahrzeug- und Farbtonvielfalt, an jedem Auto den richtigen Ton treffen,“ so Armin Dürr gegenüber amz. Neben Color-Tools erhalten Kunden auch einen standardisierten Ablauf. Dieser helfe, im hektischen Prozessalltag den Überblick zu behalten und schnell sowie sicher den richtigen Farbton zu finden, hieß es. „Zu unseren Color-Tools gehören das Farbtonmessgerät „Automatchic Vision“ und die dazugehörige Software MIXIT. Mit der Software haben die Lackierer Zugriff auf die globale AkzoNobel-Farbtondatenbank mit rund zwei Millionen Farbtönen und Varianten. MIXIT ist von jedem Gerät, egal ob Handy, Tablet oder PC und über die Cloud zusätzlich mobil jederzeit und überall erreichbar.“

Weitere digitale Hilfestellung bietet AkzoNobel durch die Werkstattplanung Carbeat und die Anwendung Paint PerformAir (PPA). Carbeat bietet laut Hersteller einen Echtzeitüberblick über Reparaturen und den Status des Fahrzeugs – wunschweise mit einem großen Touchscreen-Bildschirm in der Werkstatt. Dagegen bringt Paint PerformAir ein Stück weit Automatisierung in die Lackierkabine. Gemäß AkzoNobel erhält PPA ladungsfreie Oberflächen, temperiert und befeuchtet die Druckluft und macht den Lackierer unabhängiger von der Umgebungstemperatur und bestehender Luftfeuchtigkeit. Armin Dürr: „Der PPA macht jeden guten Lackierer noch besser.“ Mit dem Tool lasse sich der Finish-Aufwand um bis zu einem Viertel reduzieren.

Dennoch gilt: Der Lackiervorgang selbst ist nach wie vor ein analoger Prozess und eine Automatisierung, wie etwa in der Automobilproduktion, ist in der Werkstatt nicht absehbar. „Wenn man sich allerdings virtuelle Lackiersimulationen anschaut, die immer realistischer und zum Teil in Schulungen eingebunden werden, ist es eine Frage der Zeit, bis Lackierpistolen Werte wie Abstand, Neigung, Luftdruck und Materialauftrag messen und den Anwender entsprechend leiten werden“, ist man bei BASF Coatings sicher.

„Der eigentliche Lackierprozess ist klassisch analog. Ein handwerklich anspruchsvoller Vorgang, der eine mehrjährige Ausbildung, viel Erfahrung und manuelles Geschick erfordert“, wie man auch bei der Axalta Coating Systems GmbH & Co. KG weiß. Neben cloudbasierten Schulungen sieht der Lackhersteller, der mit den Marken Cromax, Spies Hecker und Standox bekannt ist, auch bei Lackiervorbereitung, Lackauftrag und Finish digitalen Unterstützungsbedarf: „Ständig besser werdende Kabinen und deren digitale Steuerung minimieren Lackierfehler“, betonte Frank Forst, Vertriebsleiter Refinish Deutschland bei Axalta. „Präziser Luftstrom, zuverlässige Staubfreiheit und die exakte Temperatureinhaltung – gerade auch bei Trocknern – sind Beispiele für den Fortschritt, der allein mit analoger Technologie so nicht möglich wäre.“