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Foto: Carat
Thomas Vollmar, Geschäftsführer der Carat-Gruppe

Interview

„Die Weichen für die nächsten Jahre sind gestellt“

Thomas Vollmar, Geschäftsführer der Mannheimer Carat-Gruppe, äußert sich im großen amz-Interview unter anderem über die aktuellen Situation des Teilehandels, die zukünftigen Herausforderungen sowie den bevorstehenden Wechsel an der Carat-Spitze.

Wie beurteilen Sie die aktuelle wirtschaftliche Situation im Teilehandel?

Thomas Vollmar: Den vergleichsweise geringen pandemiebedingten Umsatzrückgang in 2020 konnte der Teilehandel im ersten Halbjahr 2021 komplett kompensieren. Mit einem knapp zweistelligen Umsatzwachstum liegt die Carat und der gesamte Teilehandel etwas über den Halbjahresumsätzen des Jahres 2019, welches bekanntermaßen in seinen letzten zwei Quartalen kein Wachstum verzeichnen konnte. Insofern darf mit etwas Optimismus für das Gesamtjahr 2021 eine sehr starke Steigerung gegenüber 2020 und eine Steigerung um 3 bis 5 Prozent gegenüber 2019 erwartet werden.

Wie hat sich das Geschäft der Carat-Gruppe in dieser besonderen Zeit entwickelt? 

Thomas Vollmar: Branchenkonform! Durch die Systemrelevanz der Werkstätten während der Lockdownphasen wurde das Geschäft mit der Versorgung unserer Großhändler und deren Werkstattkunden nur marginal beeinträchtigt. Gleichzeitig konnten aufgrund geringerer Reisekosten, weniger Präsenzveranstaltungen und deutlich weniger Hotelübernachtungen die Kosten reduziert werden, was natürlich zu positiven Ergebniseffekten führte, die wir an unsere Gesellschafter, also den angeschlossenen Groß- und Einzelhändlern, weitergeben konnten.  

Sie haben jüngst den Generationenwechsel an der Spitze der Gruppe angekündigt. Wie und wann soll der Übergang  auf Herrn Gabler vonstatten gehen?

Thomas Vollmar: Bereits vor einigen Jahren, mit meiner Vertragsverlängerung bis Ende 2022, habe ich den Carat-Beirat informiert, dass ich dann nach einem Vierteljahrhundert als Geschäftsführer der Carat ausscheiden und andere Schwerpunkte in meiner Lebensplanung angehen möchte. Der Beirat und ich hatten also ausreichend Zeit, den Wechsel in der Geschäftsführung sehr behutsam vorzubereiten und transparent gegenüber den Gesellschaftern und den Mitarbeitern zu vollziehen. Ich freue mich sehr, dass wir mit Christian Gabler, dem Prokuristen und Geschäftsführer unserer Tochter Mecanto GmbH, eine fantastische Nachfolgelösung entwickeln und nunmehr umsetzen konnten. Wir werden nun die nächsten 18 Monate gewissenhaft nutzen und Schritt für Schritt alle Themen und Sachgebiete übertragen und gleichzeitig auch die Weichen für die nächsten Jahre stellen. Es ist kein Geheimnis, dass der Carat-Beirat zudem einen Suchauftrag für einen weiteren Geschäftsführer platziert hat. Selbstverständlich werde ich auch diesen Prozess positiv begleiten und mich selbst so schnell wie möglich überflüssig machen.

Welche Entwicklungen bzw. Veränderungen gibt es hinsichtlich der Gesellschafterstruktur der Carat?

Thomas Vollmar: Über diese Frage freue ich mich sehr, zumal wir in den letzten Jahren einige Veränderungen vollzogen haben, ohne sie offensiv zu kommunizieren. So konnten wir allein seit der Öffnung unserer Logistik-Gesellschaft ad-Cargo GmbH & Co KG im Jahr 2018 über 50 neue Kommanditisten an das Zentrallager anbinden, von denen inzwischen 11 auch in die Carat-Gruppe als Gesellschafter eingetreten sind. Zudem gab es innerhalb unserer Gruppe einige Inhaberwechsel – sei es durch Management-buy-out, durch moderierte Übernahmen aus unserem Gesellschafterkreis oder durch externe Investoren, die die Unternehmen innerhalb unserer Gruppe weiterführen. Das heißt, die Gesellschafterstruktur ist sehr stabil und gleichzeitig so flexibel, sich dem Wandel in der Branche und dem Generationswechsel anpassen zu können. Die Carat steht wie vor 25 Jahren für die Absicherung des mittelständischen Teilehandels, wobei die Herausforderungen in der Warenversorgung und der Digitalisierung natürlich auch eine gewisse Metamorphose der Carat-Zentrale notwendig macht. Neue Themen und andere Schwerpunkte bringen selbstverständlich auch Veränderungen in der Zentrale mit sich, die schlankere Strukturen in Verbindung mit einem Change-Management erforderlich machen. Diesbezüglich ist gerade in den letzten fünf Jahren einiges passiert, was sich in einer neuen Organisation mit vielen spannenden Projekten und nicht zuletzt in sehr positiven Mitarbeiterbewertungen auf unterschiedlichen Portalen bemerkbar macht. 

Sie wollten das Carat-Logistikzentrum in Castrop-Rauxel durch eine Erweiterung fit machen für die Zukunft. Was ist genau ist passiert?

Thomas Vollmar: Ausgerechnet während der Corona-Phase in 2020 haben wir unser Zentrallager um 75.000 Lagerplätze erweitert und mit einem modernen Shuttlesystem sowie einer zusätzlichen Fördertechnik ausgebaut. Mit dieser Investition können wir nunmehr über 250.000 Artikelreferenzen auf einer Lagerfläche von 45.000 qm für unsere angeschlossenen Groß- und Einzelhändler verfügbar halten. Unter dem Projektnamen „ad-Cargo 2.0“ streben wir bereits die nächste Phase mit zwei weiteren Logistikstandorten in Bayern und in Ostdeutschland in Ergänzung zu unseren bestehenden drei Versorgungspunkten an, um unseren Gesellschaftern bzw. unseren ad-Cargo-Kommanditisten eine Untertagversorgung in nahezu allen Regionen Deutschlands zu sichern.

Auf Grund der aktuell nicht mehr so starken, aber immer noch andauernden Corona-Pandemie ist es weiterhin kaum möglich, Präsenzveranstaltungen durchzuführen. Wie sieht vor diesem Hintergrund Ihre Messeplanung für den Herbst und für das kommende Jahr aus?

Thomas Vollmar: Vom 1. bis 3. Oktober 2021 findet unsere digitale Carat-Messe statt. Sie wird natürlich keine Live-Messe ersetzen können, aber mit über 150 „Ausstellern“ und vielen interessanten Messe-Angeboten lohnt es sich für die Werkstattkunden auf jeden Fall, diese Messe virtuell zu besuchen und neben den unzähligen Schnäppchen auch viele aktuelle Informationen zu den neuesten Techniken sowie den digitalen Trends im Werkstattgeschäft mitzunehmen. Für 2022 gehen wir von einer überwundenen Pandemie aus und werden daher dann endlich wieder eine Live-Messe durchführen, für die wir uns anlässlich unseres 25-jährigen Firmenjubiläums etwas ganz Besonderes einfallen ließen. So werden wir die Fläche neben unserem Zentrallager in Castrop-Rauxel mit dem größten Roncalli-Zirkuszelt bebauen und um ein zusätzliches Zeltdorf ergänzen. In Summe entsteht somit eine wunderbare Erlebnislandschaft, auf der über 200 Aussteller mit ihren Messeständen vertreten sein werden und über zwei Tage das Jubiläumsfeierthema „Varieté“ präsent sein wird. Es wird also für unsere Besucher ein Fest der Sinne werden, das nach den Messetagen jeweils mit einem besonderen Spektakel im Zirkuszelt seinen Höhepunkt erreichen wird.    

Sie haben kürzlich zusammen mit verschiedenen Partnern Repdate als weiteren Baustein Ihrer Telematiklösung Drivemotive vorgestellt. Wie viele Werkstätten wollen Sie damit erreichen?

Thomas Vollmar: Ja, über diesen Baustein sind wir sehr froh! Nicht nur, weil er technologisch fortgeschritten und mit vielen Zukunftsoptionen verbunden ist, sondern weil es endlich möglich war, einen großen Schritt in Richtung Branchenlösung zu gehen. Neben den vier größten Automobilzulieferern haben sich die Carat, die ATR und die Global One inklusive WM dieser Lösung angeschlossen. Allein mit den dort angeschlossenen Werkstattkonzepten werden nun im 3. Quartal 2021 im deutschen Reparatur- und Servicemarkt über 10.000 Freie Werkstätten erreicht. Zusätzlich kommen noch einige 1.000 Werkstätten in der Schweiz und in Österreich hinzu, der weitere Roll-out für ganz Europa ist mit einer entsprechenden Vielsprachigkeit vorbereitet.

Welches Hauptziel verfolgen Sie damit?

Unter dem Dach des eigens hierfür gegründeten Daten-Dienstleisters Caruso sollen die Freien Werkstätten Schritt für Schritt auf digitale Augenhöhe mit den Vertragswerkstätten gebracht werden und die Live-Daten aus dem Fahrzeug für eine optimale Servicequalität nutzen können. Hier findet gewissermaßen ein Wettlauf gegen die Zeit statt. Sobald dem Freien Reparaturmarkt gemäß EU-Recht der Zugang zu den Daten ermöglicht wird, müssen unsere Werkstätten auch in der Lage sein, diese Daten für ihr Geschäft nutzen zu können. Ansonsten wäre die EU-Gesetzgebung eine reine Makulatur, die letztlich zum Ende des Freien Reparaturmarktes führen würde. 

Ist Repdate - und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern - die geeignete Grundlage, um Drivemotive den entscheidenden Anschub auf dem Markt zu geben?

Repdate ist ein wesentlicher Baustein, um Drivemotive für die weitere Entwicklung vorzubereiten. So bietet Drivemotive heute schon eine komfortable Online-Buchungsmöglichkeit an. Diese richtet sich aber konsequent nach den heutigen Gegebenheiten in den meisten Freien Werkstätten. Mit einer umfangreichen Ist-Analyse mussten wir feststellen, dass lediglich 14 Prozent der Freien Werkstätten bereits voll digital arbeiten und der klassische Tischkalender für Terminvereinbarungen verschwunden ist. Auf der Seite der Vertragswerkstätten sieht das Bild komplett konträr aus - lediglich 18 Prozent der Werkstätten verfügen noch nicht über ein Online-Buchungssystem. Insofern war für uns klar, dass wir unsere Werkstätten zunächst dort abholen, wo sie sind und mit einer semi-digitalen Lösung stufenweise an die Repdate-Lösung heranführen. D.h. über unseren Call-Center in der Carat-Zentrale erfassen wir alle eingehenden Online-Buchungen und kontaktieren dann die entsprechende Werkstatt, damit von ihr eine sofortige Rückmeldung an den Autofahrer gewährleistet wird. Der Anteil der Online-Buchungen nimmt spürbar zu und somit steigt dann auch die Bereitschaft, die werkstatt-internen Prozesse auf eine digitale Grundlage umzustellen. Dann kann das Upgrade auf Repdate erfolgen, das sich allmählich als Branchenstandard etablieren wird.

Im kommenden Jahr besteht die Carat seit 25 Jahren. In welcher Form soll das Jubiläum gefeiert werden?

Dieses besondere Jubiläum feiern wir mit besonderen Maßnahmen. Und das kann gar nicht lange genug gefeiert werden, daher haben wir eine Jubiläumskampagne für die Dauer von 25 Monaten entwickelt, von der alle Carat-Geschäftspartner profitieren sollen. So haben sich unsere 25 wichtigsten Lieferanten an dieser Kampagne beteiligt und jeweils für einen Monat ganz besondere Angebote eingebracht. Für unsere Werkstattkunden gibt es jeden Monat interessante Jubiläumsangebote. Unsere angeschlossenen Groß- und Einzelhändler partizipieren von Jubiläumsangeboten für unterschiedliche Zielgruppen. Zudem gibt es innerhalb der 25 Monate einige Jubiläums- und Messeveranstaltungen, die hoffentlich überwiegend live stattfinden werden. Der eigentliche Geburtstag am 13. Mai 2022 wird mit unseren Gesellschaftern und den 25 Lieferantenpartnern im Ausland stattfinden.

Der Markt für Kfz-Ersatzteile ist härter umkämpft als je zuvor. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Carat-Gruppe in der Zukunft?

Die Herausforderungen sind inzwischen sehr vielschichtig. So sehen wir die zunehmende Mengenbündelung auf internationaler Ebene und im deutschen Markt sehr kritisch. Es gibt leider keinen Lieferanten mehr, der sich nicht die Einkaufskonditionen von den größten Handelsplayern diktieren lässt. Wenn das Umsatzvolumen eines Handelskonzerns mit einem Pkw-Teilehersteller im dreistelligen Millionenbereich liegt, ist dieser nicht mehr in der Lage, Forderungen abzulehnen – zu gravierend wären die Auswirkungen einer Auslistung. Auf der Nkw-Teileseite ist die Monopolstellung einiger Lieferanten noch so ausgeprägt, dass der Gegendruck groß genug ist, aber auch in diesem Segment sind ähnliche Tendenzen erkennbar. Um nun eine Markthygiene gegenüber dem mittelständischen Teilehandel sicherzustellen, müssten die Lieferanten deren Einkaufskonditionen im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit anpassen. Da dies aus Margengesichtspunkten nicht möglich ist, passiert eher das Gegenteil – die Preise werden erhöht, der Mittelstand bleibt auf der Strecke und die Abhängigkeit des Teileherstellers von den großen Handelskonzernen nimmt zu. Das ist das Paradoxon unserer Teilewelt, aus dem sich kein Entscheider auf der Industrieseite mehr entziehen kann.

Wie können die mittelständischen Unternehmen der Branche auf diese Entwicklung reagieren?

Die Reaktion des mittelständischen Teilehandels kann nur eine engere Zusammenarbeit sein, die ich aber aufgrund von ausgeprägten Egoismen leider nicht mehr in meiner aktiven Zeit erleben werde. Natürlich zählt auch die digitale Servicesteuerung der Fahrzeughersteller zu den Herausforderungen, auf die ebenfalls nur gemeinsam reagiert werden kann. Aber auch hier sind noch zu viele Kräfte unterwegs, die glauben, mit eigenen Lösungen marktrelevante Antworten geben zu können. Wenn die vertanen Chancen nicht so traurig wären, könnte ich angesichts dieser Situation schmunzeln, stattdessen betrachte ich das alles mit zunehmender Sorge!

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