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Foto: Capelec
Die Partikelmessung als Ergänzung der Abgasuntersuchung hat Verzögerung: 2022 dürfte die Technik vorausichtlich in den Niederlanden und Belgien Premiere haben. Deutschland soll 2023 folgen.

Werkstattausrüstung

Defekten Filtern auf der Spur

Richtlinien und Regelungen rund um die Fahrzeugtechnik werden nicht weniger. Durch die Partikelmessung soll sich auch die AU weiterentwickeln. Mit zweijähriger Verspätung dürfte es hierzulande Anfang 2023 losgehen.

Das Jahr 2020 war beim ASA-Verband eines der arbeitsreichsten – trotz Coronakrise und dem resultierenden Runterfahren des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Wie der Bundesverband der Hersteller und Importeure von Automobil-Service-Ausrüstungen anlässlich der Jahrespressekonferenz im Frühjahr verlautbarte, war dies dem Umstand geschuldet, dass einige gesetzliche Änderungen Einzug halten und hielten, die „auf politischer Ebene, aktiver Begleitung durch Mandatsträger bedurften“, wie es hieß. Neben den Dauerbrennern Scheinwerfereinstellprüfung und Bremsprüfstands-Richtlinie gab es insbesondere Gesprächsbedarf und fachliche Begleitung hinsichtlich der für 2021 geplanten Einführung des Partikelzählverfahrens für Diesel-Pkw, -Transporter und -Lkw.

Nachdem der Einführungstermin zur Partikelmessung der Euro 6/VI-Fahrzeuge unter anderem an der fehlenden Gerätespezifikationen gescheitert war, hat der Gesetzgeber im Verkehrsblatt 16/2020, Nr. 126 mit dem 1. Januar 2023 einen neuen Einführungstermin für das neue AU-Verfahren benannt. Bis zu diesem Zeitpunkt nutzen Fahrzeugüberwacher weiterhin insbesondere ihre herkömmlichen Trübungsmesser (Opazimeter). „Das klingt als hätten wir viel Zeit gewonnen. Bedenkt man aber, welche vorbereitenden Entscheidungen und technischen Entwicklungen seitens Gesetzgeber und Geräteherstellern noch offen sind, dürfen alle Beteiligten keine Zeit verlieren“, warnte Harald Hahn, Leiter des Fachbereichs Diagnose- und Abgasmessgeräte im ASA-Bundesverband. Er hatte bereits Anfang 2020 gewarnt, dass der Einführungstermin 2021 kaum zu halten ist, weil technische Spezifikationen nicht geregelt waren. Immerhin steht jetzt die Gerätespezifikation durch die Physikalisch Technische Bundesanstalt (PTB) laut ASA kurz vor ihrer Vollendung. Diese sei für die Gerätehersteller eine „Blaupause für die gesetzeskonforme Umsetzung der Messtechnik in der Gerätefertigung“, so der O-Ton. Im November und Dezember 2020 hat eine erste Messkampagne mit acht Geräteherstellern bei der PTB stattgefunden. Deren Ergebnisse wurden bis Anfang Februar ausgewertet und an die Gerätehersteller zur Diskussion und Festlegung des weiteren Vorgehens übermittelt.

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Foto: FSP Ralf Hilgers kennt als designierter Technischer Leiter bei der FSP Fahrzeug-Sicherheitsprüfung GmbH & Co KG die beiden gängigen Technologien der Partikelmessung.

Der Grenzwert liegt den Angaben zufolge bei 250.000 Partikel pro Kubikzentimeter (#/cm3). Die Messprozedur, der Grenzwert, die AU-Kalibrierrichtlinie und auch der AU-Leitfaden 6 sind bereits weit vorangeschritten bzw. fertig. Das neue Verfahren ist charakterisiert durch einen kurzen Gasstoß zur Konditionierung des AGR-Ventils. Danach erfolgen laut ASA-Verband drei 30-sekündige Messungen im Leerlauf, die gemittelt werden. „Die Messung der Partikelanzahl wird je nach Messgerätehersteller, entweder über das CPC- oder das DCC- bzw. DC-Messprinzip realisiert“, erklärte Ralf Hilgers, Technikexperte bei der FSP-Unternehmensgruppe. CPC steht für Condensation Particle Counter und DC/DCC bedeutet Diffusion Charger Particle Counter. Dabei werden die Partikel laut Ralf Hilgers entweder durch Kondensation in einer gesättigten Umgebung vergrößert und dann optisch detektiert, oder aufgeladen (ionisiert) und anschließend wird der elektrische Strom, welcher durch die geladenen Partikel hervorgerufenen wird, gemessen.

Die ersten Geräte für die periodische Fahrzeugüberwachung sollen in den Niederlanden und in Belgien zum Einsatz kommen – noch vor Deutschland und der Schweiz, die sich ebenfalls als Vorreiter strengerer Abgasvorschriften sehen. In den Niederlanden wurden Schätzungen des europäischen Werkstattausrüsterverbandes EGEA zufolge bei 100.000 bis 125.000 Fahrzeugen die Dieselpartikelfilter (DPF) ausgebaut bzw. beschädigt. Da der OBD-Selbsttest Nichtvorhandensein oder Defekt des DPF nicht immer bemerkt, emittieren viele Fahrzeuge unerkannt mehr Schadstoffe als erlaubt. Mit Start der Partikelmessung am 1. Juli 2022 soll dieser Zustand in unserem Nachbarland beendet werden – als erstem Land in Europa, wie EGEA jüngst vermeldete. Weist die Partikelmessung einen defekten oder nicht existenten Partikelfilter nach, so müssen Halter nachrüsten oder austauschen lassen – rechnet man die EGEA-Schätzung bezüglich der Niederlande auf den deutschen Fuhrpark um, so zeichnet sich eine bedeutende Umsatzchance für Werkstätten ab.

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Foto: Mahle Mahle bringt sich mit dem Partikelzähler PMU 400 in Stellung.

Hersteller gehen in Vorleistung

Die Zeit drängt also: Zahlreiche Hersteller haben ihre Hausaufgaben jedoch bereits gemacht und eigenem Bekunden zufolge marktreife Messgeräte am Start. Entsprechende Technologie gibt es aktuell u.a. von Capelec, Mahle und AVL Ditest. Mit dem neuen Partikelzähler PMU 400 der EmissionPro-Gerätereihe unterstützt Mahle Werkstätten und Prüforganisationen ab diesem Jahr bei der „Partikelmessung am Endrohr“, hieß es auf amz-Anfrage. Es sei fit für die künftigen Anforderungen und in der Lage, zehn Nanometer kleine Partikel zu detektieren, wie aus einer Produktbroschüre hervorgeht. Zum Messprinzip machten die Schorndorfer keine Angaben. Capelec setzt bei der Produktneuheit CAP3070 PN auf die ExtDC-Technologie (Extended Diffusion Charging). Das Gerät der Franzosen misst 50 x 30 x 20 Zentimeter, wiegt sieben Kilogramm und dient einer Ergänzung der kompatiblen Abgastester CAP3201, CAP3500, CAP3600. Der AVL Ditest Counter folgt dem gleichen Messprinzip und lädt die Partikel elektrisch auf. Den Messbereich ihrer acht Kilogramm schweren Produktneuheit geben die Österreicher mit 1.000 bis zehn Millionen #/cm3 an. Das Erfassungsspektrum reicht bis 300 Nanometer. Falls zukünftig gefordert, lassen sich mit dem AVL Ditest Counter auch Benziner überprüfen, hieß es.

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Foto: AVL Ditest AVL Ditest hat sich mit der „Counter“-Lösung positioniert.

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