Studie 05.04.2019

Autonomes Fahren negativ für freien Markt?

Während die Digitalisierung den freien Markt längst erreicht hat, liegt das Autonome Fahren für die Branche noch in ferner Zukunft. Eine aktuelle Studie in der Zulieferer-Industrie zeigt aber, dass die Auswirkungen nicht zu unterschätzen sind.

Eine Kurz-Studie der globalen Strategie- und Marketingberatung Simon-Kucher & Partners unter dem Titel „Trends in der Automobilzulieferer-Industrie – Wo liegen 2019 die größten Herausforderungen?“  zeigt, dass die Themen Elektrifizierung, Digitalisierung und Autonomes Fahren in der Zulieferer-Industrie angekommen sind – und Unternehmen zunehmend die positiven Effekte dieser Entwicklungen sehen. Die großen Trends Elektrifizierung, Digitalisierung und Autonomes Fahren werden heute stärker als Chance und weniger als Risiko wahrgenommen als noch vor zwei Jahren.

 - Intelligente Fahrzeuge machen den Straßenverkehr sicherer - und Reparaturen seltener.
Intelligente Fahrzeuge machen den Straßenverkehr sicherer - und Reparaturen seltener.
Foto: Bosch

So zeigen die Ergebnisse der Kurzstudie, dass 57 Prozent der befragten Industrievertreter beim Thema Elektrifizierung, also der Tendenz zu alternativen Energieträgern, eine positive Auswirkung auf ihr eigenes Unternehmen erwarten. 2017 waren es noch weniger als die Hälfte (45 Prozent).

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Digitalisierung wird präsenter, neue Wettbewerber als neuer Risikofaktor

Die Digitalisierung – und hier im Fokus der steigende Softwareanteil von Zuliefererprodukten – empfinden zwar nur 36 Prozent der Zulieferer als direkte Chance (im Vergleich 2017: 37 Prozent), allerdings wird sie aktuell mit 16 Prozent auch viel weniger als Risiko empfunden (2017: 26 Prozent). „Das zeigt: Die digitale Transformation ist in den Unternehmen angekommen, der erste Schrecken vor dem Unbekannten hat sich gelegt“, resümiert Dr. Rainer Meckes, Executive Vice President bei Simon-Kucher. „Aber wie genau sie zum künftigen Erfolg beitragen kann, ist vielen Unternehmen weiterhin unklar. Hier herrscht noch viel Beratungsbedarf.“

Als potenzielles Risiko für das eigene Unternehmen sehen Zulieferer vor allem die verstärkte Konkurrenz durch den Eintritt neuer Wettbewerber (45 Prozent), kürzere Entwicklungs- und Lebenszyklen/verkürzte Reaktionszeiten bei den OEMs (41 Prozent) sowie den Trend zur „Sharing Economy“ (39 Prozent).

Autonomes Fahren wird unterschätzt

Spürbar verbessert hat sich dagegen die Einstellung der Branche zum Thema Autonomes Fahren: 41 Prozent der Befragten sehen diesen Trend als Chance (im Vergleich 2017: 35 Prozent). Fast die Hälfte der Zulieferer – vor allem Unternehmen aus den Fahrzeugbereichen Powertrain, Interieur und Karosserie – glaubt aber auch, dass Autonomes Fahren keine bzw. neutrale Auswirkungen auf sie hat.

„Das ist jedoch ein Trugschluss“, ist Dr. Martin Gehring, Partner und Global Head of Automotive bei Simon-Kucher, überzeugt. „Auch wenn der Trend Autonomes Fahren auf den ersten Blick die Unternehmen nicht direkt zu beeinflussen scheint, müssen die Details betrachtet werden. So ändert sich zum Beispiel in einem autonom fahrenden Auto das Interieur komplett: von Sitzkonzepten bis zur Platzverteilung. Oder aber der Zuliefererbereich Karosserie: Im ersten Moment wird sich daran nicht viel ändern, mittelfristig werden aber die Aftersales-Absätze wegbrechen, da mit deutlich weniger Unfällen zu rechnen ist.“

Weniger Unfälle, weniger Reparaturen?

Genau dieser Bereich der Aftersales-Absätze ist auch für den freien Markt relevant, denn der Bedarf an Ersatzteilen könnte dramatisch sinken – ebenso wie die Zahl der klassischen Karosserie-Reparaturen und entsprechender Lackarbeiten.

Auch die Sharing Economy mit dem Effekt, dass bald immer mehr Mobilitätskunden ihr Fahrzeug von einem Flottenbetreiber mieten, dürfte den freien Werkstätten Marktanteile rauben.

Zwar werden Verbrenner und Fahrzeuge mit weniger umfänglichen Assistenzsystemen noch einige Jahre das Straßenbild bestimmen und Teilehandel und Werkstätten mit Aufträgen versorgen, aber sollten sich das Autonome Fahren und die Sharing Economy auf breiter Ebene gesellschaftlich durchsetzen, müssten die Unternehmen und Werkstätten des freien Markts ihre Geschäftsmodelle in gar nicht so ferner Zukunft an die Entwicklung anpassen.