Bedarfsgerechter Service

Die fortschreitende Vernetzung elektronischer Fahrzeugsysteme ermöglicht es, Wartungsumfänge am tatsächlichen Bedarf zu orientieren. Werkstätten müssen sich damit auf neue Abläufe bei Inspektionsarbeiten einstellen.

Die Wartung nach dem „Gießkannenprinzip“, wonach Verschleißteile nach einer bestimmten Laufleistung oder Zeit erneuert werden, gehört bei mehreren Baureihen von BMW der Vergangenheit an. Mit dem Condition Based Service (CBS) – also dem bedarfsgerechten Service – hat der Münchner Automobilhersteller die Wartungsum- fänge neu ausgelegt. Seit März 2007 ist CBS in seiner vierten Ausbaustufe bei allen Modellen der 1er- und 3er-Reihe serienmäßig an Bord. Ziel von CBS ist es, die Termine durch eine weg- beziehungs- weise zeitbasierte Intervallprognose besser zu planen, einen flexibleren Service sowie eine individuellere Beratung und Betreuung des Autofahreres realisieren zu können.

CBS-Daten ergänzen Inspektionspläne 

Der bedarfsgerechte Service wird für die Werkstatt einige Änderungen mit sich bringen. Denn für den Umfang der Wartungsarbeiten sind nicht mehr allein die Inspektionspläne, sondern zusätzlich die Daten aus dem Fahrzeug maßgebend. CBS berechnet aus den Informationen unterschiedlicher Systemsteuergeräte den Wartungsbedarf für das Motoröl, den Dieselpartikelfilter, die Bremsbeläge vorne und hinten, die Zündkerzen, den Fahrzeugcheck, die Bremsflüssigkeit und die gesetzliche Fahrzeuguntersuchung.

Für die Wartungsumfänge werden die Restwegstrecke und das Ablaufdatum des jeweiligen Kriteriums getrennt berechnet und dem Fahrer angezeigt. In die Berechnung ist eine Intervallprognose integriert, die das Fahrprofil berücksichtigt. Die CBS-Daten werden in der Fernbedienung oder dem Identifikationsge- ber (bei Comfort Access) gespeichert. Der Serviceberater kann die Daten mit einem speziellen Schlüssel-Lesegerät auslesen und die notwendigen Arbeiten direkt mit dem Kunden und der Werkstatt abstimmen. Steht kein Schlüssel-Lesegerät zur Verfügung, müssen die CBS-Daten mit dem Diagnosegerät oder manuell im Kombiinstrument ausgelesen werden.

Verschleißerfassende Steuergeräte 

An der Realisierung des bedarfsgerechten Service CBS sind zahlreiche Fahrzeugsteuergeräte beteiligt. Gespeichert werden die CBS-Daten in der Instrumentenkombination und redundant im CAS-Steuergerät (Car Acces System). Letzteres aktualisiert unter vordefinierten Bedingungen die CBS-Daten in der Fernbedienung beziehungsweise im Identifikationsgeber.

Das Motorsteuergerät berechnet den Wartungsumfang für das Motoröl und den Dieselpartikelfilter, wobei das Steu- ergerät für die Heiz- und Klimaregelung den Wechseltermin für den Innenraum- filter bestimmt. Der Verschleißzustand der Bremsbeläge wird vom DSC-Steuer- gerät (Dynamische Stabilitäts-Control) überwacht. Mit von der Partie ist auch die Junction-Box-Elektronik (JBE), die ein Gateway zwischen dem Karosserie-CAN- und Power Train-CAN-Bus darstellt. Zudem ist an der JBE die Diagnoseleitung angeschlossen. Je nach Ausstattung kommen dann noch das Steuergerät für den Komfortzugang (Comfort Access) hinzu, das die CBS-Daten per Funk an den Identifikationsgeber überträgt und das Steuergerät für das Telefon, über das au- tomatisch oder manuell ein so genannter ServiceCall ausgelöst werden kann.

Berechnungsgrundlage 

Alle zeitabhängigen Wartungsumfänge beziehen sich grundsätzlich auf das Borddatum. Beim Abklemmen der Batterie bleibt das Borddatum stehen und muss nach dem Anschließen der Batterie korrigiert werden. Zudem muss bei jedem Zurücksetzen eines Wartungsumfangs geprüft werden, ob das Borddatum korrekt eingestellt ist.

Für den Wartungsumfang des Motoröls verwendet das Motorsteuergerät als Startwert generell ein Wechselintervall von 24 Monaten. Bei Benzinern wird eine Laufleistung von 25.000 Kilometern und bei Dieselmodellen 30.000 Kilometer als Startwert gesetzt. Den individuellen Zeitpunkt für den Ölwechsel bestimmen jedoch die durchlaufenen Betriebsbedingungen und die verbrauchte Kraftstoff- menge seit dem letzten Ölwechsel. Der Kraftstoffverbrauch dient somit als Hilfsgröße für die Beurteilung der Ölqualität. Das Wartungsintervall für den Dieselpar- tikelfilter ist wegabhängig. Der Startwert wird bis 100.000 Kilometer vom DDE-Steuergerät (Digitale Diesel Elektronik) linear berechnet. Danach ermittelt das Steuergerät das Wartungsintervall adaptiv auf Basis des Abgasgegendrucks.

Der Zustand des Innenraumfilters – bei BMW Mikrofilter genannt – wird mit Hilfe der Größen Außentemperatur, Wischerbetrieb, Nutzdauer der Heizung, Umluftbetrieb, Fahrgeschwindigkeit, Lüfterdrehzahl sowie der Fahrtstrecke und der Zeit seit dem letzten Wechsel berech- net. Ein Wechsel des Innenraumfilters ist spätestens nach 24 Monaten oder 45.000 Kilometern fällig. Wichtig: Falls die Batterie nach dem Zurücksetzen des Wartungsintervalls für den Innenraumfilter abgeklemmt werden muss, darf dies erst geschehen, wenn das Fahrzeug in den „Schlafmodus“ geschaltet hat.

Für das Berechnen des Bremsbelag- verschleißes berücksichtigt das DSC-Steuergerät die Raddrehzahl, den Bremsdruck, die Bremsdauer und die Temperatur der Bremsscheiben. Letzterer Wert wird mit Hilfe eines Rechenmodells anhand von Raddrehzahl, Bremsdruck, Außentemperatur und Bremsdauer ermittelt. Zudem wird das Berechnen des Belagverschleißes durch ein Signal von zwei Bremsbelagverschleißsensoren gestützt. Werkstatttipp: Bevor das Wartungsintervall für die Bremsbeläge zurückgestellt wird, müssen die Verschleißsensoren erneuert werden.

Alle anderen Wartungsumfänge sind weg- beziehungsweise zeitabhängig und werden von der Instrumentenkom- bination verwaltet. So zum Beispiel wird das Wechselintervall für die Zündkerzen je nach Motor alle 60.000 oder 100.000 Kilometer angezeigt. Weg- und zeitabhängig ist auch der Fahrzeugcheck. Für Benziner gilt eine Fahrtstrecke von 50.000 und für Diesel 60.000 Kilometer. Für beide Antriebsvarianten gilt jedoch, dass sie spätestens nach 48 Monaten im Rahmen einer Fahrzeuginspektion durchgecheckt werden müssen. Für den Bremsflüssig- keitswechsel gilt ein festes Intervall von 24 Monaten. Der Zieltermin für die ge- setzliche Fahrzeuguntersuchung kann je nach länderspezifischer Gesetzgebung programmiert werden.

Anzeige und Rückstellung der CBS-Daten 

In der markenübergreifenden Werkstatt lassen sich die CBS-Daten mit einem geeigneten Diagnosegerät auslesen. Alternativ dazu kann der Servicetechniker die Detailinformationen zu allen Wartungsumfängen im Kombiinstrument oder im Central Information Display (CID) manuell abfragen. Hierzu ist je nach Modell und Ausstattung die Bedienungsanlei- tung des Fahrzeugs zu Rate zu ziehen. Das Zurücksetzen der Wartungsumfänge nach erledigten Servicearbeiten erfolgt ebenfalls über ein geeignetes Diagno- segerät. Ist ein solches nicht vorhanden, lässt sich ein Wartungsumfang auch über die Rückstelltaste für den Tageswegstre- ckenzähler zurückstellen. Auch hierbei ist die Vorgehensweise der Bedienungsan- leitung des Fahrzeugs zu entnehmen.

CBS ist nicht nur für den Autofahrer, sondern auch für die Werkstatt positiv zu bewerten. Da die Wartungsumfänge sehr individuell berechnet werden, ist das Arbeitsvolumen bei den Serviceterminen geringer. Dafür steigt die Häufigkeit der Kundenkontakte, wenn wie vorgesehen nur die Wartungsarbeiten durchgeführt werden, die vom CBS angezeigt werden.

Richard Linzing

 

 

 

 

 

 

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