News 17.07.2017

Immer mit grünem Balken unterwegs

Der US-Zulieferer Qualcomm will mit seiner Strategie „Laden ohne Kabel“ das größte Hindernis der Elektromobilität aus dem Weg räumen. Mangelnde Reichweite soll damit schon in wenigen Jahren kein Thema mehr sein. Und induktives Laden könnte E-Autos auch erheblich billiger machen.

 - Wenn es nach der Firma Qualcomm geht, sollen Ladekabel für Elektroautos in zehn Jahren überflüssig sein.
Wenn es nach der Firma Qualcomm geht, sollen Ladekabel für Elektroautos in zehn Jahren überflüssig sein.
Foto: Daimler

In gewissem Sinn arbeitet Thomas Nindl in der gleichen Branche wie der andere Mieter im Bürokomplex in Münchens Osten: Genau wie Burger King beschäftigt sich der Nachrichtentechniker auch mit einer Art Fast-Food - nur für Autos.

Nindl ist Direktor bei einer Sparte des kalifornischen Chip-Riesen, die der Elektromobilität entscheidend zum Durchbruch verhelfen soll: „Das induktive Laden ist die Killer-Applikation für diesen Antrieb”, ist sich Nindl wie auch seine US-Chefs sicher. Darum investiert der Konzern seit rund fünf Jahren massiv in die Technik, ohne Kabel schnell Elektroautos zu laden.

Noch 2012 sei er auf ersten Vorträgen zur Technik milde belächelt worden. Der Wirkungsgrad sei beim Laden durch die Luft doch viel zu gering. Grenzwerte in Sachen Elektrosmog werde man nie einhalten können. Und erst mal die Gefahr, dass Nachbars Katze über der Hochenergie-Spule gegrillt werde oder der Wagen in Brand gerate … alles nicht zu beherrschen.

„Das haben wir heute total im Griff”, sagt Nindl. Und im kommenden Jahr werden bereits erste Fahrzeuge von BMW und Audi auf den Markt kommen, die das Laden nach Art der elektrischen Zahnbürste oder des Induktionsherdes beherrschen. Doch deren Technik ist nicht das Ziel der Qualcomm-Ingenieure - weil die Ladeplatten und das Gegenstück im Auto eben nur mit diesem Modell funktionieren würden. „Wir wollen den Standard für alle”, so Nindl. Und mit dem sei frühestens 2020 zu rechnen.

Dann aber ist die weitere Strategie klar, auch, weil zunächst einmal die Standards vereinheitlicht würden. Erstens: Die Spulengeometrie in der Bodenplatte. Qualcomm setzt dabei wie die meisten Konkurrenten auf die Form einer liegenden Acht. Dadurch muss der Fahrer die Platte nicht so genau treffen und der Energiefluss kann auch bei größeren Abständen zum Boden etwa von Geländewagen hoch gehalten werden. „Wir verlieren da kaum Energie”, so Nindl. Auch auf die Kommunikation mit dem Auto auf W-Lan-Basis habe sich die Industrie geeinigt. Und dass die Energie mit 85 Kilohertz übertragen werde, sie ebenfalls Konsens.

Die Sache mit der Grill-Katze hat Nindls Truppe auch im Griff: Radarsensoren und Metalldetektoren in der Bodenplatte erkennen zuverlässig jeden Fremdkörper im Bereich der Ladezone - und schalten in Millisekunden den Stromfluss ab. Rechtzeitig, bevor etwa ein metallischer Joghurtdeckel rotglühend heiß werden würde und umliegendes Laub entfacht. Auch dafür, dass die Fahrzeuge die Bodenplatte optimal anfahren, hat Qualcomm längst die passende App entwickelt. Man kommt ja schließlich aus dem Smartphone-Markt, wo der Konzern die Herzen von mehr als zwei Drittel aller Handys herstellt. „In wenigen Jahren fährt das Auto ohnehin eigenständig auf die Bodenplatte. Der Fahrer kann vorher aussteigen und einkaufen gehen”, ist sich Nindl sicher.

Das Ziel der Ladestrategie hat Qualcomm bereits fest im Blick. Kabelloses Laden mit elf Kilowatt soll an einer Vielzahl von Stellen im öffentlichen Raum alltäglich werden: auf dem Supermarkt-Parkplatz, vor der Ampel, an der Bahnschranke, am Taxistand - und sogar während der Fahrt. Auf einer Teststrecke in Versailles bei Paris hat Qualcomm bereits ein Stück Autobahn mit Ladeplatten bestückt. Mit bis zu 100 km/h kann ein Elektroauto darüber fahren und Strom in seine Batterie bringen.

Der große Vorteil: „Wenn sich die Technik durchgesetzt hat, wird ein Auto vier-, fünfmal am Tag induktiv nachgeladen. Der Fahrer sieht nur den grünen Balken für den optimalen Zustand von 60 bis 70 Prozent Akkufüllung.” Lediglich bei der Langstrecke müsste er noch zwischenzeitlich mit dem Supercharger und dessen 145 oder mehr Kilowatt die Akkus füllen. Wer aber solche Langstrecken gar nicht fährt, könnte auch in Autos unterwegs sein, die keine Monsterbatterien mehr brauchen, um immer genügend Reichweite für den Heimweg zu haben. Und das bedeutet: Die Elektroautos mit kleineren Batterien werden billiger. Ein kleiner Haken bleibt allerdings: Bis das induktive Laden flächendeckend steht, wird wohl noch ein Jahrzehnt ins Land gehen. (spx)